Donnerstag, 5. April 2012

Buchpräsentation »Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree« am 18. April 2012 im Roten Rathaus Berlin

In ihrem letzten Beitrag an dieser Stelle vor gut einem Jahr kündigte Roswitha Schieb das Erscheinen des Buches Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree an. Nun ist es soweit, am Mittwoch, d. 18. April 2012, wird das Buch aus dem Verlag des Deutschen Kulturforums östliches Europa im Berliner Roten Rathaus zum ersten Mal präsentiert. Roswitha Schieb wird mit zahlreichen Lichtbildern ihre Arbeit vorstellen; das Salonorchester Berliner Melange umrahmt die Veranstaltung musikalisch durch Stücke von Berliner Komponisten, die aus Schlesien stammten.

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie auf der Website des Kulturforums: ► www.kulturforum.info

► Flyer öffnen (unter issu.com)

Montag, 28. Februar 2011

Schlesische Spuren

Das Wappen von Gleiwitz
Foto: © Barbara Gafert
Im Innenhof des Rathauses Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz befinden sich 27 Mosaik-Wappen »ehemals ostdeutscher Länder und Städte«, die der bereits erwähnte schlesische Künstler Peter Ludwig Kowalski für die alte Hohenzollernbrücke anfertigte. Als die Brücke der Stadtautobahn weichen musste, wurden die Wappen 1957 im Innenhof des Rathauses Wilmersdorf angebracht. Sieben Wappen von schlesischen Provinzen befinden sich darunter: Niederschlesien, Breslau, Liegnitz, Neiße, Oberschlesien, Gleiwitz, Oppeln. Eine Tafel von 1992 erläutert unaufgeregt den Umgang mit den historischen Bezügen:

Die wieder gegründeten Länder Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen sowie die Stadt Frankfurt an der Oder gehören seit dem 3. Oktober 1990 zur Bundesrepublik Deutschland. Die anderen früheren Länder, Provinzen und Städte liegen heute in Polen, Litauen und der Republik Russland. Die Länder und Provinzen existieren nicht mehr als Gebietskörperschaften. [...] Mit diesen Wappen werden keine Ansprüche verbunden. Sie erinnern an einen Teil der deutschen und europäischen Geschichte.

Diese Tafel wirkt vorbildlich: sie ordnet die Vergangenheit historisch ein und trägt den neuen, in der Folge des Zweiten Weltkriegs entstandenen Gegebenheiten Rechung. Sie ist nicht relativistisch und nicht revisionistisch. Sie sagt in nüchterner Weise nichts anderes als: so war es und so ist es nun nicht mehr. Diese Unaufgeregtheit könnte ein Ausweg aus all den zänkischen Grabenkämpfen sein, die das Thema der Vertreibung umstellen – sich dem Neuen gegenüber zu öffnen, ohne das Vergangene auszublenden.


Dieser Blog, der heute endet, wollte – neben Überlegungen zum Heimatbegriff – vielfältige Facetten schlesischer Einflüsse auf Berlin zeigen. Das Buch »Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren in Berlin«, das Ende 2011 erscheinen soll, wird diese historischen Schürfungen, diese Punktbohrungen des Blogs, noch vertiefen, panoramatisch erweitern und an entscheidenden Berliner Dreh- und Angelpunkten festmachen. Es will zeigen, dass die Stadt ohne diese Einflüsse eine ganz andere wäre, nicht nur in Bezug auf ihre Bau- und Kunstwerke und auf ihre Geschichte, sondern auch hinsichtlich ihrer Mentalität. Erklärte Absicht des Buches ist, nicht nur Berlin als einen großen Speicher des ehemaligen Schlesien auszuloten, sondern auch Erstaunen und Freude zu vermitteln über die Vielfalt kultureller und ökonomischer Leistungen einer Provinz, die Berlin wie keine andere bereichert hat.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Schlesien in der DDR

In Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, gab es keine öffentlichen Hinweise auf die Vertreibungen. Im Gegenteil: es durfte in der dortigen Terminologie nicht einmal von Vertreibung gesprochen werden, sondern nur von Umsiedlung. Die westlichen Vertriebenenverbände wurden als Hort des Revanchismus gebrandmarkt, Vertriebene, die sich in West-Berlin beispielsweise im Park-Café am Fehrbelliner Platz trafen, von der Stasi durch sogenannte Opa-IM's ausgehorcht. 1950 wurde der Schlesische Bahnhof, obwohl die sowjetischen Streitkräfte den Namen 1945 sorgfältig in »Sileskij Woksal« oder »Berlin sileskije« auf den Bahnhofsschildern ins Kyrillische transkribiert hatten, zunächst in Ostbahnhof, dann in Hauptbahnhof umbenannt, die zum Schlesischen Bahnhof hinführende Breslauer Straße in die Straße Am Ostbahnhof. In den Stasi-Akten galt der Status als »Umsiedler« in den fünfziger Jahren als etwa so negativ wie in anderen Akten die Tatsache der NSDAP-Mitgliedschaft – eine unterstellende Verquickung, die bis heute im fast reflexhaften Kurzschluss Vertriebener = potentieller Nazi immer noch wirksam ist. Historisch ist dieser Kurzschluss ungerechtfertigt: betrug bei den letzten Wahlen vor der Machtergreifung die Zustimmung zur NSDAP in bestimmten katholischen Regionen Schlesiens nur 28 Prozent, in Niedersachsen hingegen mancherorts über 60 Prozent – kein Grund also, unterstellend auf Schlesier herabzuschauen.

In der DDR war das Heimatverbot wirksam, das von Franz Fühmann, wie wir bereits lasen, am Ende seines Lebens als leidvoll und destruktiv beschrieben wurde. Noch stärker als im Westen, wo der Vertriebenenhintergund oft schamhaft verschwiegen wurde, muss das erzwungene Ausblendenmüssen der eigenen Herkunft in der DDR zu kollektiven seelischen Verwerfungen in der Bevölkerung geführt haben. Wer wusste und weiß schon in der DDR und im Westen, dass der berühmte sozialistische Philosoph, profilierte DDR-Dissident und Politiker Rudolf Bahro aus Schlesien stammte? Weder im Osten noch im Westen hat er von der Tatsache öffentlichen Gebrauch gemacht, dass er 1935 im schlesischen Bad Flinsberg geboren wurde. Im Laufe seines Lebens aber ließen sich bestimmte Züge nicht ausblenden, die in Ost und West für Verwirrung sorgten: seine starke Neigung zu Spiritualität, Ordensleben und Mystik (»Unsichtbare Kirche«) und sein Konstrukt eines »Fürsten der ökologischen Wende«. Mit Sozialtheorien, verquickt mit Herrscherlob, wie man sie auch bei Lassalle findet, eckte Bahro in Ost und West an. Vielleicht waren es unbewusste schlesische Züge, die in das kleinere Deutschland nicht mehr passten? Eine Reflexion darüber verbot sich von allen Seiten. Und wer hätte gedacht, dass der ein Jahr zuvor geborene Peter Hacks ebenfalls aus Schlesien, aus Breslau stammt? Nichts wiese darauf hin, vielleicht höchstens die lautmalerischen Seiten in seinen Kinderbüchern, die friderizianische Thematik einiger seiner frühen Dramen »Die Schlacht bei Lobositz« (1956) und »Der Müller von Sanssouci« (1958) sowie sein preußisches Fürstenlob, das er in Zusammenhang mit Walter Ulbricht verbalisieren konnte. Honnecker schon war ihm zu aufgeweicht-unpreußisch.

Eine Beantwortung der Frage, ob es typisch schlesische Züge gibt, ist schwierig bis heikel. Dennoch machte sich dieser Blog auf die Suche nach historischem Material, das in Fülle und Überfülle vorhanden ist, um sich einer Antwort zumindest anzunähern.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 21. Februar 2011

Ewige Flamme

Jedes Mal, wenn ich in den achtziger Jahren mit dem Doppelstockbus um den Theodor-Heuss-Platz herumfuhr, was selten genug vorkam, berührte mich die brennende Schale auf dem Steinblock, der dort aufgestellt war, unangenehm. Ohne auch nur das Geringste über die Bedeutung dieses Denkmals zu wissen, lehnte ich es ab. Die zur Straßenseite hin angebrachten Worte »Freiheit – Recht – Friede« waren in ihrer Allgemeinheit nicht dazu angetan, ein unbewusstes Misstrauen diesem Ensemble gegenüber zu zerstreuen. Die dreibeinige Opferschale ließ meine Assoziationen unmittelbar und ungut zu den eisernen Leuchterreihen des Olympiastadions schweifen. Ein, wie ich meinte, muffiges Pathos stieß mich ebenso zurück wie eine angemaßte Sakralität. Hier war, so dachte ich, falsches Bewusstsein am Werk, etwas Reaktionäres und Restauratives aus den finsteren Anfangsgründen der Bundesrepublik.

Umso erstaunter war ich, als ich viel später erfuhr, dass es sich bei dem Denkmal auf dem Theodor-Heuss-Platz um ein Mahnmahl gegen Vertreibung handelt. 1955 von den Landsmannschaften der deutschen Heimatvertriebenen auf dem damaligen Reichskanzlerplatz (erst seit 1963 Theodor-Heuss-Platz) aufgestellt, wurde es von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, durch das Entzünden der Flamme eingeweiht. Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands sollte die ewige Flamme brennen.
Damit waren in den fünfziger Jahren vermutlich alle drei Teile gemeint, die Bundesrepublik, die DDR und das ehemalige Ostdeutschland »unter polnischer Verwaltung«, denn auch in anderen westdeutschen Städten mahnten Denkmäler dieser Zeit mit Aufrufen wie »Deutschland dreigeteilt – niemals!« Sogar Wolf Biermann singt 1966 in seinem Lied »Die hab' ich satt« natürlich kritisch über »den ganzen deutschen Skatverein, dies dreigeteilte deutsche Land« – eine Wendung, die vielen Hörern heute kaum noch verständlich sein dürfte.

Dass die Flamme am 3. Oktober 1990, am Tag der deutschen Einheit, gelöscht wurde, war eine zeittypische Kurzschlusshandlung. Endlich, geradezu erleichtert konnte mit Kriegsfolgen und Nachkrieg abgeschlossen werden, mit einem Mal schienen alle offenen Fragen erledigt zu sein. Doch das Erlöschen der Flamme währte nur zwei Monate: am 10. Dezember 1990, dem Tag der Menschenrechte, wurde sie erneut entzündet und brennt seither unausgesetzt im Sinne der darauf angebrachten Worte »Freiheit – Recht – Friede« auf der einen Seite, und »Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung!« auf der anderen Seite.
Und da brennt sie auch heute an einem stillen Februartag, tut keinem etwas, nimmt keinem etwas weg. Der Verkehr umkreist das Denkmal. Noch ist es kein Ort der Empathie. Aber vielleicht könnte es zu einem allgemeinen, stillen Ort der Trauer werden für alle Menschen, die Vertreibungen und Heimatverlusten ausgesetzt waren und sind, zu einem Ort, an dem die Trauer erlaubt ist. Schlicht und unspektakulär genug ist das Denkmal dazu. Und sinnfällig genug ist es mit der brennenden, dreibeinigen Eisenschale auch, um durch die Kraft einer archaischer Form das Einzelschicksal in ein größeres, und dadurch tröstliches Allgemeines zu überführen – weit entfernt vom Wespennest öffentlichen Streits über das Thema der Vertreibung.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Mystisches Glas

Die Frömmigkeit, die die katholischen Schlesier vor allem aus Oberschlesien mitbrachten, fand im kargen, preußischen Berlin wenig Widerhall. Die östlich geprägte religiöse Inbrunst konnte leicht als Aberglauben missverstanden werden. Schlesische Katholiken, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in Berlin assimilieren wollten, taten gut daran, ihre Frömmigkeit nur im Schutz ihrer Kirchen und Familien auszuleben. Auch die mystische Tradition, wie sie in Schlesien mit prominenten Vertretern wie Jakob Böhme, Daniel Czepko von Reigersfeld oder Angelus Silesius seit dem 17. Jahrhundert konfessionsübergreifend lebendig war, fiel in Berlin nicht zwangsläufig auf fruchtbaren Boden. Da bedurfte es einiger Umwege.

Nach 1945 kamen als Vertriebene auch schlesische Künstler nach Berlin, die ihre Ausbildung in den zehner, zwanziger Jahren an der Breslauer Kunstakademie erhalten hatten. In den meisten Fällen war durch den Krieg fast ihr gesamtes Œuvre vernichtet worden.

Hier soll uns der Maler Peter Ludwig Kowalski interessieren. 1891 im oberschlesischen Königshütte geboren, erhielt er seine künstlerische Ausbildung an der Breslauer Akademie unter Hans Poelzig. Dem Expressionismus nahestehend schloss er sich freundschaftlich eng an den ebenfalls schlesischen Künstler Otto Mueller an. Romantische Landschaftsauffassung, ja fast Naturmagie und eine auratische Behandlung des menschlichen Körpers zeichneten Kowalskis Werk aus. 1934 wurde er als Leiter der Kunstgewerbeschule in Breslau von den neuen Machthabern abgesetzt, 1945 aus Breslau vertrieben. Seine Arbeiten waren fast restlos vernichtet.

Ab 1948 machte er in Westberlin einen Neuanfang und schuf etliche Glaskunstwerke in sakralen wie profanen Gebäuden. Dazu zählen die Glasfenster im Sitzungssaal des Bundeshauses Berlin und eine Glasschliffwand im Schiller-Theater, über die es lobend heißt, »seine monumentale, figuren- und ornamentreiche Fensterwand im Foyer des Berliner Schillertheaters gibt dem Raum seine große festliche Heiterkeit« (Hugo Hartung, 1967). Bei seinen Kirchenausstattungen arbeitete Kowalski konfessionsübergreifend. So schuf er fünf Rundfenster für die protestantische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Hansa-Viertel, einen monumentalen Fresko-Kreuzweg für die katholische Kirche St. Ansgar ebendort, die Glasfenster der evangelischen Luisenkirche in Charlottenburg sowie die Fenster der katholischen Kirchen St. Rita in Reinickendorf, Herz-Jesu-Kirche in Tegel, St. Elisabeth in Schöneberg, und für die Kapelle des katholischen Studentenwohnheims »Wilhelm-Weskamm-Haus« in Charlottenburg.

All diese Fenster- und Freskogestaltungen zeugen von einer im - schlesischen - Expressionismus wurzelnden Glaubenserfahrung und mystischen Tiefe, die durch die mosaiksteinhaften Formen und glühenden Farben des Glases eindringlich und überzeugend wirken. Übrigens stammen die Glasbausteinwände in der Berliner Philharmonie, der Staatsbibliothek und des Musikinstrumenten-Museums auch von einem schlesischen Künstler: vom Breslauer Alexander Camaro. Das bunte Licht, das in die großzügigen Scharoun-Räume strömt, hat immer auch einen leicht sakralen Charakter.

Foto: © Wolf Rabe auf www.fotocommunity.de
Und es gab nicht nur schlesische Glaskünstler, sondern auch schlesisches Glas in Berlin. Das meiste wird wohl im Zweiten Weltkrieg zersplittert sein. Aber etwas ist gerettet worden: im Paradiesgarten des botanischen Gartens in Potsdam-Sanssouci ließ König Friedrich Wilhelm IV. ein Stibadium errichten, in dessen offenen Metopenfeldern vierzig weiße, rubinrote, blaue und grüne Glasvasen standen. Diese stammten aus der schlesischen Kunstglasfabrik »Gräflich Schaffgottsche Josephinenhütte« in Schreiberhau. Immerhin sind vierzehn Original-Vasen durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts hindurch erhalten geblieben, der Rest wurde bei der jüngsten Restaurierung durch Kopien ersetzt. Nun können sie wieder ein farbiges, fast magisches Licht in den kleinen Innenraum werfen, der dadurch zur geradezu mystischen Versenkung und Entgrenzung einlädt.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 14. Februar 2011

Widerstand

Der christliche Widerstand gegen den Nationalsozialismus weist bedeutende Namen aus Schlesien auf. Über das mutige Wirken und Eintreten des aus dem niederschlesischen Ohlau stammenden Domprobsts Bernhard Lichtenberg gegen den Nationalsozialismus werden wir im Buch Näheres erfahren. Dem aus Breslau gebürtigen Pfarrer Joseph Lenzel, der sich für polnische Zwangsarbeiter einsetzte und im KZ Dachau ermordet wurde, waren wir bereits im Zusammenhang mit dem Hedwigsfriedhof 3 in Reinickendorf begegnet. Ebenfalls für polnische Zwangsarbeiter engagierte sich der Pfarrer August Froehlich.
Gedenktafel August Froehlich in Rudow
Foto: © www.wikipedia.de
Geboren im oberschlesischen Königshütte kam er während der Inflationszeit als Kaplan nach Berlin, wo er einen Großteil seines väterlichen Vermögens und seines Einkommens für notleidende Familien aufwendete. Während der NS-Zeit geriet er mit den Machthabern zunächst durch Verweigerung von NS-Geldsammlungen in der Kirche und des Hitlergrußes aneinander. Nachdem er Misshandlungen von polnischen Zwangsarbeitern zur Anzeige gebracht hatte, wurde er inhaftiert und starb 1942 im KZ Dachau. Eine Straße in Berlin-Rudow ist nach ihm benannt und einige Gedenktafeln an verschiedenen Berliner Kirchen erinnern an seine mutigen Taten.

Gedenktafel Friedrich Weißler
Foto: © www.wikipedia.de
Die wichtigste Figur des evangelischen Widerstands, also der Bekennenden Kirche, war der Breslauer Dietrich Bonhoeffer, der im Buch ausführlicher erwähnt werden wird. Auch Helmuth James Graf von Moltke aus Kreisau, Mitglied des Kreisauer Kreises, gehörte zur Bekennenden Kirche. Er wurde 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ein weiteres Mitglied des evangelischen Widerstands war der Landgerichtsdirektor Friedrich Weißler aus Königshütte, der als Mitverfasser einer Protestschrift an Hitler bereits 1937 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde. Eine Tafel an seinem Wohnhaus Meiningenallee 7 in Berlin-Westend erinnert an diesen unerschrockenen Juristen.

Ein heute noch recht bekannter Schlesier aus dem Umkreis der Bekennenden Kirche, der das NS-Regime überlebte, war Heinrich Albertz, 1915 in Breslau geboren. Albertz studierte in Breslau, Halle und Berlin Theologie und besuchte illegale Vorlesungen der Bekennenden Kirche. Ab 1939 war er als Vikar in Breslau und in Kreuzburg/Oberschlesien tätig. Ein Fürbitte-Gottesdienst für den im KZ festgehaltenen Pastor Martin Niemöller brachte ihm während des Zweiten Weltkriegs eine Festungshaft in Glatz ein. Nach dem Krieg wurde er niedersächsischer Minister für Flüchtlingsangelegenheiten und Vertriebene. 1955 wechselte er als Leiter in die Senatsverwaltung für Volksbildung nach Berlin, wurde Chef der Staatskanzlei und später Innensenator. Als Nachfolger Willy Brandts wurde Albertz 1966 zum Regierenden Bürgermeister gewählt, trat jedoch nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg während einer Protestdemonstration gegen den Besuch von Schah Reza Pahlevi durch einen Polizisten 1967 zurück. Er lebte bis zu seiner Pensionierung 1979 als Pfarrer in Berlin-Schlachtensee und wurde zu einem der profiliertesten Köpfe der Friedensbewegung. Der Heinrich-Albertz-Platz in Zehlendorf ist nach ihm benannt.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Religion

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs im Zuge der Industrialisierung die Bevölkerung Berlins sprunghaft an. Soziologisch gesehen war die Bevölkerungsexplosion vor allem dem enormen Zustrom von Arbeitskräften aus allen Provinzen, bevorzugt aus Schlesien, dem angestammten Berliner Hinterland geschuldet. Da Schlesien konfessionell geteilt war, brachten die Zuwanderer aus Schlesien entweder ihren evangelischen oder katholischen Glauben mit. Für die Protestanten aus Schlesien war es in Berlin einfacher, religiös heimisch zu werden und sich zu assimilieren, da die Stadt protestantisch geprägt war. In vielen bereits existierenden Kirchen und Gemeinden konnten sie sich eingliedern, ja einschmelzen. Sie befanden sich nun im Zentrum der traditionellen preußischen Verquickung von Thron und Altar. Natürlich mussten auch im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert aufgrund des Anwachsens der evangelischen Gemeinden viele repräsentative Kirchenbauten im zeittypisch neoromanischen, neogotischen oder später im expressionistischen Stil errichtet werden. Aber da die meisten älteren und alle ältesten Kirchen der Stadt, die Dorfkirchen, protestantisch waren, wirkten die Neubauten wie organische Erweiterungsbauten auf einer angestammten Glaubensschicht.

Das sah mit den katholischen Zuzüglern aus Schlesien (und auch aus anderen Provinzen) etwas anders aus: Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert war mit der Hedwigskathedrale die erste katholische Kirche in Berlin errichtet worden. Darüber hinaus gab es im 19. Jahrhundert nur wenige katholische Kirchenbauten in Berlin. Erst mit dem anhaltenden Zustrom der Arbeitskräfte vor allem aus Schlesien entstand in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert eine regelrechte »Kirchennoth«, besonders im schlesischen Viertel in Kreuzberg, aber auch in anderen Stadtbezirken. Dabei waren die Katholiken in Berlin nicht gut gelitten. Spätestens seit dem Kulturkampf unter Bismarck konnten sich die Katholiken in Berlin als Bürger zweiter Klasse empfinden. In dieser Zeit, in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, durften katholische Kirchengebäude nicht freistehend errichtet, sondern mussten in die Fassaden der Straßenzüge eingebaut werden. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts lockerten sich diese Bestimmungen und ein regelrechter Kirchenbauboom versuchte, der Kirchennot Herr zu werden. In den geschichtlichen Abrissen beinahe aller, in der Zeit um 1900 errichteten katholischen Kirchen ist von der Notwendigkeit eines Kirchenbaus aufgrund des starken Zustroms schlesischer Katholiken die Rede.
Einige Baugrundstücke für katholische Kirchen wurden vom Breslauer Bischof erworben. Viele dieser Kirchen wurden direkt vom Breslauer Fürstbischof Georg Kopp oder seinem Repräsentanten geweiht, unterstand doch Berlin damals noch dem Bistum Breslau. Eigenes Bistum wurde Berlin erst 1930, 1934 dann Erzbistum. In etlichen dieser katholischen Kirchen gibt es schlesische Spuren, von denen hier nur einige Erwähnung finden sollen: so wurden einige Kirchen vom aus Schlesien stammenden Architekten Max Hasak gebaut, etwa St. Sebastian im Wedding oder St. Mauritius in Lichtenberg. Die Altäre in St. Maria am Behnitz in Spandau wurden 1894 von einem Breslauer Kirchenausstatter gefertigt. Die Monstranz und der Kelch der Kirche Zum Guten Hirten in Friedrichsfelde, die beide aus Breslau stammten, wurden durch die Kriegszerstörungen hindurch gerettet, die Orgel aus Neiße aber zerstört. Die Stephanuskirche im Wedding besitzt eine Orgel aus Schweidnitz. Die Fassadeneinfassungen der Herz-Jesu-Kirche am Prenzlauer Berg sind aus schlesischem Sandstein. Am 16. Oktober wird der Namenstag der Hl. Hedwig von Schlesien in etlichen katholischen Kirchen Berlin begangen. Auch heute noch zeugen viele Lieder im katholischen (Eigenteil Berlin) wie im evangelischen Gesangsbuch von der reichen Kirchenliedtradition, die von Schlesien nach Berlin und weiter nach Westen gelangten.

Fortsetzung am kommenden Montag.