Donnerstag, 18. November 2010

Schlesische Antike in Berlin

Wie ein Detektiv stürzte ich mich in die städtische Wirklichkeit mit ihren Steinen, Eisenträgern und Gebäuden hinein. Ebenso durchstöberte ich wichtige kulturelle Zeugnisse der Stadt. Ich fühlte mich wie ein Archäologe, der die abgesunkene schlesische Antike in Berlin zu rekonstruieren versucht. Das Thema war ergiebig, ist ergiebig und wird immer ergiebiger. Aber ich möchte das Buch nicht vorwegnehmen, sondern statt dessen an dieser Stelle auf ein paar aussagekräftige Splitter hinweisen, die aus Platzgründen im Buch nicht aufgenommen werden konnten. Zum Buch nur so viel: es sind große Namen, berühmte Zeugnisse aus Kunst, Literatur, Geistes- und Industriegeschichte, die mit dem schlesischen Einfluss auf Berlin verknüpft sind. Da sind Carl Gotthard Langhans, der Erbauer des Brandenburger Tors, und Adolph Menzel, Gerhart Hauptmann und Willibald Alexis, Ferdinand Lassalle und August Borsig, Ludwig Meidner und Arnold Zweig, um nur einige Schlesier zu nennen, die Berlin maßgeblich beeinflusst haben. Sie haben das Stadtbild geprägt (und prägen es bis heute), sie haben maßgeblichen Anteil an der mythisierenden Verehrung Friedrichs des Großen, sie haben den Witz für die altberliner Posse aus Schlesien mitgebracht, wie auch den sozialreformerischen Impetus und den Hang zur seelentiefen Mystik. All das wird im Buch »Jeder zweite Berliner« ausführlich hergeleitet und beschrieben.

Hier nun bleiben einzelne Fundstücke zu beleuchten, die immer im Zusammenhang der schlesischen Einflüsse auf die Stadt Berlin stehen.

Firmenstempel »Beuchelt«
an der Friedrichstraße
Bahnhof Friedrichstraße, oberes S-Bahngleis in Richtung Westen. Sehr oft habe ich dort gestanden und auf die S-Bahn Richtung Charlottenburg, Richtung Wannsee gewartet, vor der Wende, als die S-Bahn noch im 20-Minuten-Takt fuhr, hier endete und der Blick auf die östlichen Nachbargleise eines fremden Systems mit grauen Metallplatten versperrt war, und nach der Wende. Lange habe ich dort gestanden und gewartet, noch länger bei Bauarbeiten und Pendelverkehr, weniger lang im neuen Zwei-Oder-Drei-Minuten-Takt nach der Wende. Immer ging mein Blick hierhin und dorthin, gelangweilt oder in Eile, glitt über die Gesichter der Reisenden, auf die Baustellen unten, bohrte sich in östliche Richtung, um die Ankuft des Zuges versuchsweise zu beschleunigen. Hunderte Male habe ich dort gestanden und vor mich hin gestarrt und sie nie gesehen - die eisernen Firmenschilder an den Metallstreben der S-Bahn-Konstruktion, obwohl sie sich sogar auf Augenhöhe befinden. Der bekannte Satz, dass man nur das sieht, was man weiß, ist mit niemals deutlicher vor Augen geführt geworden als hier. Andreas Kossert hatte in seinem Buch "Kalte Heimat" auf die Firmenstempel der schlesischen Firma Beuchelt am Bahnhof Friedrichstraße hingewiesen, und so ging ich sie suchen. Ich machte mich auf eine langwierige Detektivarbeit gefasst, vermutete diese Schilder an den verborgensten und geheimsten Stellen des labyrinthischen Bahnhofs. Wie überrascht war ich, als genau an den Stellen, an denen ich so oft gestanden und gewartet hatte, sich mir der Blick plötzlich entschleierte. Da stand es: »Beuchelt u. Co. 1923 Grünberg - Schlesien«. Und es stand dort mehrfach, im Wechsel mit den Firmenstempeln eines Eisenunternehmens aus Stettin. Es war, als hätte sich ein unsichtbares Lid von meinen Augen gehoben und ich erst richtig zu sehen begonnen.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Kommentare:

  1. Liebe Frau Schieb, gerade erst entdeckte ich Ihre Antwort auf meinen (anonymen) Kommentar kürzlich.Ich bin nicht Blog-erfahren und würde Ihnen lieber direkt schreiben! Sie fragten nach den Stasi-Kampagnen. - Das wurde recherchiert von: Heike Amos: Die Vertriebenenpolitik der SED 1949-1990, Oldenbourg-Verlag, Mü.2009/S.187ff (ausführlich rezensiert in der Zs: Schlesien heute, 8/2010).- Ein paar Anregungen: Es gibt bewusste Amnesien, z.B. die in der DDR-Zeit veränderten schlesischen Straßennamen in Berlin-Ost (und in West durch Political Correctness)alte Stadtpläne zum Vergleich = Verschwundenes. - Bereits Ende des 19.Jh.gab es unzählige Schlesier/innen in Berlin, suchten eine'Stellung'daher z.B.in Kreuzberg der U-Bahnhof "Schlesisches Tor" u.a.m. Man sagte schon, der echte Berliner sei in Breslau geboren.
    Herzlicher Gruß, Barbara

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  2. Herzlichen Dank für Ihre Hinweise, denen ich gerne nachgehen werde. Der Zustrom von Arbeitskräften aus Schlesien nach Berlin im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und die damit einhergehenden sozialen Verwerfungen werden ausführlich in dem entsprechenden Kapitel im Buch Jeder zweite Berliner Erwähnung finden, das ja nächstes Jahr erscheinen soll. Statistisch gesehen war es wohl eher jeder vierte Berliner, der in dieser genannten Zeit aus Schlesien stammte, aber der Zustrom an Arbeitskräften war so mächtig, dass man in Berlin meinte, jeder zweite Berliner müsse aus Schlesien kommen.
    Ich bin gespannt auf weitere Kommentare von Ihnen. Ihre Roswitha Schieb.

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