Donnerstag, 20. Januar 2011

Witz

Im Februar 2009 fand im schlesischen Neiße eine »Geschichtswerkstatt Schlesien« statt. Dort sollten sich ältere und jüngere Teilnehmer in sogenannten Tandemgesprächen ihre Geschichten erzählen. Schwere Themen wurden berührt, wenn es um Traumatisierungen durch Diktatur, Krieg, Vertreibung und Sozialismus in Schlesien ging. Aber die Atmosphäre wurde nicht schwer, bedrückend und lastend. Das hing vor allem mit den älteren Teilnehmern zusammen, Schlesier, über siebzig Jahre alt, die zum Teil in Deutschland lebten, zum Teil in Schlesien geblieben waren. Es hing zusammen mit ihrem Humor. Allesamt waren sie selbstironisch, sprachspielerisch (»Hier kommen die Neißer Scheißer«), verschmitzt und hatten den Schalk im Nacken. Der Witz hatte ihre Physiognomien auf das Freundlichste geprägt. Alles Schwere und Ernste wurde leicht in ihrer Gegenwart, aber nicht etwa durch Oberflächlichkeit, sondern durch die Weisheit des Komischen. Daher war die Geschichtswerkstatt von einer Offenheit jeneits aller Sonntagsreden geprägt, eine Offenheit, die von einem heiteren Mutterwitz getragen wurde. Die jüngere Generation konnte nur staunen.


Im Buch wird es ein eigenes Kapitel über den schlesischen Witz geben, der ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Berlin kam und den Berliner Humor enorm bereicherte. Die Autoren der sogenannten Altberliner Posse waren allesamt Schlesier, oft auch jüdische Schlesier. Der schlesische Witz kommt nicht so bajonettscharf wie der Berliner Witz daher, sondern freundlicher, ist dafür aber hintersinniger, doppeldeutiger, sprachspielerischer. Über den Ursprung der Altberliner Posse und des Satireblattes Kladderadatsch werden wir im Buch ausführlich hören. Hier soll es um einige Satiriker aus Schlesien bis heute gehen. Während der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit war der Humorist, Couplet-Sänger, Komiker und Kabarettist Guido Thielscher (geboren 1859 in Königshütte) in Berlin und über Berlin hinaus sehr populär. In seiner Autobiographie Erinnerungen eines alten Komödianten ist allerdings auch eine gewisse harmlose Behäbigkeit seines Humors nicht von der Hand zu weisen, die ihn vor den neuen Machthabern 1933 sich verbeugen ließ. Das war bei Werner Finck (1902 in Görlitz geboren) ganz anders, der einige Male während der NS-Zeit in Haft geriet, sich aber durch seine Technik des andeutungshaften Sprechens immer wieder retten konnte. Überliefert ist Fincks Frage an einen mitschreibenden Spitzel, der in einer Vorstellung saß: »Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muß ich mitkommen?« Bertolt Brecht widmete Finck das Gedicht »Eulenspiegel überlebt den Krieg«.


Bekannte Karikaturisten und politische Satiriker in der DDR waren Leo Haas (1901 in Troppau geboren) und Jochen Petersdorff (1934 in Liegnitz geboren). Haas, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung während der NS-Zeit in etlichen KZ's inhaftiert war, betätigte sich in der DDR als Karikaturist für das Neue Deutschland und den Eulenspiegel, und zwar während der Zeit des Kalten Krieges in zeittypisch tendenziöser Weise. Petersdorf hingegen verfasste die Funzel-Beilage. Das Abendblatt für trübe Stunden des Satiremagazins Eulenspiegel, die dem Nonsens verpflichtet war. Doch ist bei ihm eine gewisse Entschärfung der Komik durch die Diktatur zu verzeichnen.


In der Bundesrepublik bzw. Westberlin waren es unter den bekannten Komikern Wolfgang Neuss (1923 in Breslau geboren) und Dieter Hildebrandt (1927 in Bunzlau geboren), die aus Schlesien stammten. Trotz ihrer unterschiedlichen politischen Ausrichtungen gibt es bei beiden manchmal eine ähnliche Art des Witzes, und zwar durch die Komik von assoziativen Abschweifungen und Improvisationen, durch Stottern und Auslassungen, durch Versprecher und Wortverdrehungen. Unvergessen sind Aussprüche von Wolfgang Neuss aus seiner späteren Zeit: »Meine Zeit ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, dass es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.« Oder, mit Anspielung auf seinen Haschischkonsum: »Ich rauche den Strick, an dem ich sonst hängen würde.« »Alle Tage sind zwar gleich lang, aber unterschiedlich breit.« Und Dieter Hildebrandt beschreibt in einer Geschichte auf seiner Website die Schwierigkeiten, Weihnachten 1945 als Vertriebener in Bayern schlesische Mohnklöße herzustellen. Der Titel seines Textes lautet: »Der Mohn ist ausgegangen«.


Fortsetzung am kommenden Montag.

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