Donnerstag, 17. Februar 2011

Mystisches Glas

Die Frömmigkeit, die die katholischen Schlesier vor allem aus Oberschlesien mitbrachten, fand im kargen, preußischen Berlin wenig Widerhall. Die östlich geprägte religiöse Inbrunst konnte leicht als Aberglauben missverstanden werden. Schlesische Katholiken, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in Berlin assimilieren wollten, taten gut daran, ihre Frömmigkeit nur im Schutz ihrer Kirchen und Familien auszuleben. Auch die mystische Tradition, wie sie in Schlesien mit prominenten Vertretern wie Jakob Böhme, Daniel Czepko von Reigersfeld oder Angelus Silesius seit dem 17. Jahrhundert konfessionsübergreifend lebendig war, fiel in Berlin nicht zwangsläufig auf fruchtbaren Boden. Da bedurfte es einiger Umwege.

Nach 1945 kamen als Vertriebene auch schlesische Künstler nach Berlin, die ihre Ausbildung in den zehner, zwanziger Jahren an der Breslauer Kunstakademie erhalten hatten. In den meisten Fällen war durch den Krieg fast ihr gesamtes Œuvre vernichtet worden.

Hier soll uns der Maler Peter Ludwig Kowalski interessieren. 1891 im oberschlesischen Königshütte geboren, erhielt er seine künstlerische Ausbildung an der Breslauer Akademie unter Hans Poelzig. Dem Expressionismus nahestehend schloss er sich freundschaftlich eng an den ebenfalls schlesischen Künstler Otto Mueller an. Romantische Landschaftsauffassung, ja fast Naturmagie und eine auratische Behandlung des menschlichen Körpers zeichneten Kowalskis Werk aus. 1934 wurde er als Leiter der Kunstgewerbeschule in Breslau von den neuen Machthabern abgesetzt, 1945 aus Breslau vertrieben. Seine Arbeiten waren fast restlos vernichtet.

Ab 1948 machte er in Westberlin einen Neuanfang und schuf etliche Glaskunstwerke in sakralen wie profanen Gebäuden. Dazu zählen die Glasfenster im Sitzungssaal des Bundeshauses Berlin und eine Glasschliffwand im Schiller-Theater, über die es lobend heißt, »seine monumentale, figuren- und ornamentreiche Fensterwand im Foyer des Berliner Schillertheaters gibt dem Raum seine große festliche Heiterkeit« (Hugo Hartung, 1967). Bei seinen Kirchenausstattungen arbeitete Kowalski konfessionsübergreifend. So schuf er fünf Rundfenster für die protestantische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Hansa-Viertel, einen monumentalen Fresko-Kreuzweg für die katholische Kirche St. Ansgar ebendort, die Glasfenster der evangelischen Luisenkirche in Charlottenburg sowie die Fenster der katholischen Kirchen St. Rita in Reinickendorf, Herz-Jesu-Kirche in Tegel, St. Elisabeth in Schöneberg, und für die Kapelle des katholischen Studentenwohnheims »Wilhelm-Weskamm-Haus« in Charlottenburg.

All diese Fenster- und Freskogestaltungen zeugen von einer im - schlesischen - Expressionismus wurzelnden Glaubenserfahrung und mystischen Tiefe, die durch die mosaiksteinhaften Formen und glühenden Farben des Glases eindringlich und überzeugend wirken. Übrigens stammen die Glasbausteinwände in der Berliner Philharmonie, der Staatsbibliothek und des Musikinstrumenten-Museums auch von einem schlesischen Künstler: vom Breslauer Alexander Camaro. Das bunte Licht, das in die großzügigen Scharoun-Räume strömt, hat immer auch einen leicht sakralen Charakter.

Foto: © Wolf Rabe auf www.fotocommunity.de
Und es gab nicht nur schlesische Glaskünstler, sondern auch schlesisches Glas in Berlin. Das meiste wird wohl im Zweiten Weltkrieg zersplittert sein. Aber etwas ist gerettet worden: im Paradiesgarten des botanischen Gartens in Potsdam-Sanssouci ließ König Friedrich Wilhelm IV. ein Stibadium errichten, in dessen offenen Metopenfeldern vierzig weiße, rubinrote, blaue und grüne Glasvasen standen. Diese stammten aus der schlesischen Kunstglasfabrik »Gräflich Schaffgottsche Josephinenhütte« in Schreiberhau. Immerhin sind vierzehn Original-Vasen durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts hindurch erhalten geblieben, der Rest wurde bei der jüngsten Restaurierung durch Kopien ersetzt. Nun können sie wieder ein farbiges, fast magisches Licht in den kleinen Innenraum werfen, der dadurch zur geradezu mystischen Versenkung und Entgrenzung einlädt.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen