Donnerstag, 10. Februar 2011

Religion

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs im Zuge der Industrialisierung die Bevölkerung Berlins sprunghaft an. Soziologisch gesehen war die Bevölkerungsexplosion vor allem dem enormen Zustrom von Arbeitskräften aus allen Provinzen, bevorzugt aus Schlesien, dem angestammten Berliner Hinterland geschuldet. Da Schlesien konfessionell geteilt war, brachten die Zuwanderer aus Schlesien entweder ihren evangelischen oder katholischen Glauben mit. Für die Protestanten aus Schlesien war es in Berlin einfacher, religiös heimisch zu werden und sich zu assimilieren, da die Stadt protestantisch geprägt war. In vielen bereits existierenden Kirchen und Gemeinden konnten sie sich eingliedern, ja einschmelzen. Sie befanden sich nun im Zentrum der traditionellen preußischen Verquickung von Thron und Altar. Natürlich mussten auch im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert aufgrund des Anwachsens der evangelischen Gemeinden viele repräsentative Kirchenbauten im zeittypisch neoromanischen, neogotischen oder später im expressionistischen Stil errichtet werden. Aber da die meisten älteren und alle ältesten Kirchen der Stadt, die Dorfkirchen, protestantisch waren, wirkten die Neubauten wie organische Erweiterungsbauten auf einer angestammten Glaubensschicht.

Das sah mit den katholischen Zuzüglern aus Schlesien (und auch aus anderen Provinzen) etwas anders aus: Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert war mit der Hedwigskathedrale die erste katholische Kirche in Berlin errichtet worden. Darüber hinaus gab es im 19. Jahrhundert nur wenige katholische Kirchenbauten in Berlin. Erst mit dem anhaltenden Zustrom der Arbeitskräfte vor allem aus Schlesien entstand in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert eine regelrechte »Kirchennoth«, besonders im schlesischen Viertel in Kreuzberg, aber auch in anderen Stadtbezirken. Dabei waren die Katholiken in Berlin nicht gut gelitten. Spätestens seit dem Kulturkampf unter Bismarck konnten sich die Katholiken in Berlin als Bürger zweiter Klasse empfinden. In dieser Zeit, in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, durften katholische Kirchengebäude nicht freistehend errichtet, sondern mussten in die Fassaden der Straßenzüge eingebaut werden. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts lockerten sich diese Bestimmungen und ein regelrechter Kirchenbauboom versuchte, der Kirchennot Herr zu werden. In den geschichtlichen Abrissen beinahe aller, in der Zeit um 1900 errichteten katholischen Kirchen ist von der Notwendigkeit eines Kirchenbaus aufgrund des starken Zustroms schlesischer Katholiken die Rede.
Einige Baugrundstücke für katholische Kirchen wurden vom Breslauer Bischof erworben. Viele dieser Kirchen wurden direkt vom Breslauer Fürstbischof Georg Kopp oder seinem Repräsentanten geweiht, unterstand doch Berlin damals noch dem Bistum Breslau. Eigenes Bistum wurde Berlin erst 1930, 1934 dann Erzbistum. In etlichen dieser katholischen Kirchen gibt es schlesische Spuren, von denen hier nur einige Erwähnung finden sollen: so wurden einige Kirchen vom aus Schlesien stammenden Architekten Max Hasak gebaut, etwa St. Sebastian im Wedding oder St. Mauritius in Lichtenberg. Die Altäre in St. Maria am Behnitz in Spandau wurden 1894 von einem Breslauer Kirchenausstatter gefertigt. Die Monstranz und der Kelch der Kirche Zum Guten Hirten in Friedrichsfelde, die beide aus Breslau stammten, wurden durch die Kriegszerstörungen hindurch gerettet, die Orgel aus Neiße aber zerstört. Die Stephanuskirche im Wedding besitzt eine Orgel aus Schweidnitz. Die Fassadeneinfassungen der Herz-Jesu-Kirche am Prenzlauer Berg sind aus schlesischem Sandstein. Am 16. Oktober wird der Namenstag der Hl. Hedwig von Schlesien in etlichen katholischen Kirchen Berlin begangen. Auch heute noch zeugen viele Lieder im katholischen (Eigenteil Berlin) wie im evangelischen Gesangsbuch von der reichen Kirchenliedtradition, die von Schlesien nach Berlin und weiter nach Westen gelangten.

Fortsetzung am kommenden Montag.

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