Montag, 7. Februar 2011

Soziales

Im Zusammenhang mit dem sozialen Engagement von Schlesiern ist Anna von Gierke erwähnenswert, der zu Ehren der Gierkeplatz und die Gierkezeile in Charlottenburg benannt sind. 1874 in Breslau als Tochter des Juristen und Sozialpolitikers Otto von Gierke geboren, wurde sie in Berlin zu einer berühmten Sozialpädagogin. Nachdem sie ihre Erfahrungen u. a. im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus gesammelt hatte, engagierte sie sich für Kindergartenpädagogik, Schulspeisung und Horterziehung. Sie schuf eine Ausbildungsstätte für neue soziale Frauenberufe, »Jugendheime e. V.«, die auf ganz Deutschland ausstrahlte. In den zwanziger Jahren war sie Mitbegründerin eines Wohlfahrtsverbandes, aus dem der heutige Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband hervorging. Ebenfalls in der Zeit der Weimarer Republik gründete sie das vorbildhafte Landjugendheim Finkenkrug, eine Erholungs- und Ausbildungseinrichtung, und knüpfte ein dichtes Netz von Einrichtungen, Vereinen und Verbänden der Kinder- und Jugendfürsorge. Wegen ihrer »halbjüdischen« Abstammung aus ihren Ämtern entlassen, engagierte sich Anna von Gierke für in Not geratene Menschen, gleichgültig welcher Herkunft und Religion.
Gedenktafel Anna von Gierke, Carmerstraße 12
Foto: © www.wikipedia.de
Als Mitglied der Bekennenden Kirche führte sie in ihrer Wohnung Carmerstraße 12, wo sich heute eine Gedenktafel befindet, regelmäßige subversive Versammlungen durch, an denen Größen wie Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer, Theodor Heuss und Romano Guardini teilnahmen. Sie starb 1943 in Berlin und wurde auf dem Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bestattet.

Stammte Anna von Gierke als Professorentochter aus dem angesehenen Breslauer und Berliner Bürgertum, so kam der Arbeiterschriftsteller Hans Marchwitza aus dem oberschlesischen Bergarbeitermilieu. 1890 in Scharley bei Beuthen/ Oberschlesien geboren begann er selbst bereits mit 14 Jahren unter Tage zu arbeiten. 1910 zog er ins Ruhrgebiet, wurde wegen Streiks entlassen und schlug sich als Hilfsarbeiter durch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er KPD-Mitglied und kämpfte gegen Kapp-Putsch und Freikorps. In den zwanziger Jahren begann er zu schreiben und wurde in die Sowjetunion eingeladen. Ab 1936 kämpfte er im spanischen Bürgerkrieg, gelangte auf abenteuerlichen Wegen in die USA, von wo er 1946 zunächst nach Stuttgart, dann 1947 nach Potsdam zurückkehrte. 1950 war er Gründungsmitglied der Akademie der Künste der DDR. In seinem späteren schriftstellerischen Werk heroisierte er die ökonomische Entwicklung in der DDR, und wurde aufgrund dessen und aufgrund seiner lupenreinen proletarisch-antifaschistischen Vergangenheit mit Preisen und Ehrungen überhäuft. In der ganzen DDR gab es Kulturhäuser »Hans Marchwitza«. Und auch heute noch erinnert die Marchwitza-Straße in Marzahn an seine verschollene Popularität. Doch seine autobiographische Werke, Die Kumiaks (1. Band 1934) und Meine Jugend (1947) bewegen sich nicht nur in ideologischen Bahnen: sie liefern auch eindrucksvolle, fast zola-artige Tableaus der Arbeits- und Lebensverhältnisse der oberschlesischen Bergleute mit all ihren Fehlern und Schwächen, mit ihrem Aberglauben, ihren Gemeinheiten und Grausamkeiten. Marchwitza beschreibt diese Welt nüchtern und unaufgeregt. Sogar eine Wallfahrt der Arbeiter nach Deutsch-Piekar wird ausführlich geschildert. Im Buch werden wir andere schlesische Künstler kennenlernen, die sich unter anderem der sozialen Thematik verschrieben haben: August Scholtis, Franz Jung, den Maler Horst Strempel und Arnold Zweig.
Marchwitza als Spanienkämpfer (Briefmarke der DDR)
Foto: © www.wikipedia.de
Im Vergleich zu letzterem ist Hans Marchwitza literarisch nicht bedeutend. Aber er fügt dem oberschlesischen Hüttenwerks- und Elendstableau einen eigenwilligen Baustein hinzu, ein Tableau, das erstmalig im oberschlesischen Königshütte von Adolph Menzel entworfen und mit seinem »Eisenwalzwerk« bis heute eine gültige Form gefunden hat.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

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