Montag, 28. Februar 2011

Schlesische Spuren

Das Wappen von Gleiwitz
Foto: © Barbara Gafert
Im Innenhof des Rathauses Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz befinden sich 27 Mosaik-Wappen »ehemals ostdeutscher Länder und Städte«, die der bereits erwähnte schlesische Künstler Peter Ludwig Kowalski für die alte Hohenzollernbrücke anfertigte. Als die Brücke der Stadtautobahn weichen musste, wurden die Wappen 1957 im Innenhof des Rathauses Wilmersdorf angebracht. Sieben Wappen von schlesischen Provinzen befinden sich darunter: Niederschlesien, Breslau, Liegnitz, Neiße, Oberschlesien, Gleiwitz, Oppeln. Eine Tafel von 1992 erläutert unaufgeregt den Umgang mit den historischen Bezügen:

Die wieder gegründeten Länder Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen sowie die Stadt Frankfurt an der Oder gehören seit dem 3. Oktober 1990 zur Bundesrepublik Deutschland. Die anderen früheren Länder, Provinzen und Städte liegen heute in Polen, Litauen und der Republik Russland. Die Länder und Provinzen existieren nicht mehr als Gebietskörperschaften. [...] Mit diesen Wappen werden keine Ansprüche verbunden. Sie erinnern an einen Teil der deutschen und europäischen Geschichte.

Diese Tafel wirkt vorbildlich: sie ordnet die Vergangenheit historisch ein und trägt den neuen, in der Folge des Zweiten Weltkriegs entstandenen Gegebenheiten Rechung. Sie ist nicht relativistisch und nicht revisionistisch. Sie sagt in nüchterner Weise nichts anderes als: so war es und so ist es nun nicht mehr. Diese Unaufgeregtheit könnte ein Ausweg aus all den zänkischen Grabenkämpfen sein, die das Thema der Vertreibung umstellen – sich dem Neuen gegenüber zu öffnen, ohne das Vergangene auszublenden.


Dieser Blog, der heute endet, wollte – neben Überlegungen zum Heimatbegriff – vielfältige Facetten schlesischer Einflüsse auf Berlin zeigen. Das Buch »Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren in Berlin«, das Ende 2011 erscheinen soll, wird diese historischen Schürfungen, diese Punktbohrungen des Blogs, noch vertiefen, panoramatisch erweitern und an entscheidenden Berliner Dreh- und Angelpunkten festmachen. Es will zeigen, dass die Stadt ohne diese Einflüsse eine ganz andere wäre, nicht nur in Bezug auf ihre Bau- und Kunstwerke und auf ihre Geschichte, sondern auch hinsichtlich ihrer Mentalität. Erklärte Absicht des Buches ist, nicht nur Berlin als einen großen Speicher des ehemaligen Schlesien auszuloten, sondern auch Erstaunen und Freude zu vermitteln über die Vielfalt kultureller und ökonomischer Leistungen einer Provinz, die Berlin wie keine andere bereichert hat.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Schlesien in der DDR

In Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, gab es keine öffentlichen Hinweise auf die Vertreibungen. Im Gegenteil: es durfte in der dortigen Terminologie nicht einmal von Vertreibung gesprochen werden, sondern nur von Umsiedlung. Die westlichen Vertriebenenverbände wurden als Hort des Revanchismus gebrandmarkt, Vertriebene, die sich in West-Berlin beispielsweise im Park-Café am Fehrbelliner Platz trafen, von der Stasi durch sogenannte Opa-IM's ausgehorcht. 1950 wurde der Schlesische Bahnhof, obwohl die sowjetischen Streitkräfte den Namen 1945 sorgfältig in »Sileskij Woksal« oder »Berlin sileskije« auf den Bahnhofsschildern ins Kyrillische transkribiert hatten, zunächst in Ostbahnhof, dann in Hauptbahnhof umbenannt, die zum Schlesischen Bahnhof hinführende Breslauer Straße in die Straße Am Ostbahnhof. In den Stasi-Akten galt der Status als »Umsiedler« in den fünfziger Jahren als etwa so negativ wie in anderen Akten die Tatsache der NSDAP-Mitgliedschaft – eine unterstellende Verquickung, die bis heute im fast reflexhaften Kurzschluss Vertriebener = potentieller Nazi immer noch wirksam ist. Historisch ist dieser Kurzschluss ungerechtfertigt: betrug bei den letzten Wahlen vor der Machtergreifung die Zustimmung zur NSDAP in bestimmten katholischen Regionen Schlesiens nur 28 Prozent, in Niedersachsen hingegen mancherorts über 60 Prozent – kein Grund also, unterstellend auf Schlesier herabzuschauen.

In der DDR war das Heimatverbot wirksam, das von Franz Fühmann, wie wir bereits lasen, am Ende seines Lebens als leidvoll und destruktiv beschrieben wurde. Noch stärker als im Westen, wo der Vertriebenenhintergund oft schamhaft verschwiegen wurde, muss das erzwungene Ausblendenmüssen der eigenen Herkunft in der DDR zu kollektiven seelischen Verwerfungen in der Bevölkerung geführt haben. Wer wusste und weiß schon in der DDR und im Westen, dass der berühmte sozialistische Philosoph, profilierte DDR-Dissident und Politiker Rudolf Bahro aus Schlesien stammte? Weder im Osten noch im Westen hat er von der Tatsache öffentlichen Gebrauch gemacht, dass er 1935 im schlesischen Bad Flinsberg geboren wurde. Im Laufe seines Lebens aber ließen sich bestimmte Züge nicht ausblenden, die in Ost und West für Verwirrung sorgten: seine starke Neigung zu Spiritualität, Ordensleben und Mystik (»Unsichtbare Kirche«) und sein Konstrukt eines »Fürsten der ökologischen Wende«. Mit Sozialtheorien, verquickt mit Herrscherlob, wie man sie auch bei Lassalle findet, eckte Bahro in Ost und West an. Vielleicht waren es unbewusste schlesische Züge, die in das kleinere Deutschland nicht mehr passten? Eine Reflexion darüber verbot sich von allen Seiten. Und wer hätte gedacht, dass der ein Jahr zuvor geborene Peter Hacks ebenfalls aus Schlesien, aus Breslau stammt? Nichts wiese darauf hin, vielleicht höchstens die lautmalerischen Seiten in seinen Kinderbüchern, die friderizianische Thematik einiger seiner frühen Dramen »Die Schlacht bei Lobositz« (1956) und »Der Müller von Sanssouci« (1958) sowie sein preußisches Fürstenlob, das er in Zusammenhang mit Walter Ulbricht verbalisieren konnte. Honnecker schon war ihm zu aufgeweicht-unpreußisch.

Eine Beantwortung der Frage, ob es typisch schlesische Züge gibt, ist schwierig bis heikel. Dennoch machte sich dieser Blog auf die Suche nach historischem Material, das in Fülle und Überfülle vorhanden ist, um sich einer Antwort zumindest anzunähern.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 21. Februar 2011

Ewige Flamme

Jedes Mal, wenn ich in den achtziger Jahren mit dem Doppelstockbus um den Theodor-Heuss-Platz herumfuhr, was selten genug vorkam, berührte mich die brennende Schale auf dem Steinblock, der dort aufgestellt war, unangenehm. Ohne auch nur das Geringste über die Bedeutung dieses Denkmals zu wissen, lehnte ich es ab. Die zur Straßenseite hin angebrachten Worte »Freiheit – Recht – Friede« waren in ihrer Allgemeinheit nicht dazu angetan, ein unbewusstes Misstrauen diesem Ensemble gegenüber zu zerstreuen. Die dreibeinige Opferschale ließ meine Assoziationen unmittelbar und ungut zu den eisernen Leuchterreihen des Olympiastadions schweifen. Ein, wie ich meinte, muffiges Pathos stieß mich ebenso zurück wie eine angemaßte Sakralität. Hier war, so dachte ich, falsches Bewusstsein am Werk, etwas Reaktionäres und Restauratives aus den finsteren Anfangsgründen der Bundesrepublik.

Umso erstaunter war ich, als ich viel später erfuhr, dass es sich bei dem Denkmal auf dem Theodor-Heuss-Platz um ein Mahnmahl gegen Vertreibung handelt. 1955 von den Landsmannschaften der deutschen Heimatvertriebenen auf dem damaligen Reichskanzlerplatz (erst seit 1963 Theodor-Heuss-Platz) aufgestellt, wurde es von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, durch das Entzünden der Flamme eingeweiht. Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands sollte die ewige Flamme brennen.
Damit waren in den fünfziger Jahren vermutlich alle drei Teile gemeint, die Bundesrepublik, die DDR und das ehemalige Ostdeutschland »unter polnischer Verwaltung«, denn auch in anderen westdeutschen Städten mahnten Denkmäler dieser Zeit mit Aufrufen wie »Deutschland dreigeteilt – niemals!« Sogar Wolf Biermann singt 1966 in seinem Lied »Die hab' ich satt« natürlich kritisch über »den ganzen deutschen Skatverein, dies dreigeteilte deutsche Land« – eine Wendung, die vielen Hörern heute kaum noch verständlich sein dürfte.

Dass die Flamme am 3. Oktober 1990, am Tag der deutschen Einheit, gelöscht wurde, war eine zeittypische Kurzschlusshandlung. Endlich, geradezu erleichtert konnte mit Kriegsfolgen und Nachkrieg abgeschlossen werden, mit einem Mal schienen alle offenen Fragen erledigt zu sein. Doch das Erlöschen der Flamme währte nur zwei Monate: am 10. Dezember 1990, dem Tag der Menschenrechte, wurde sie erneut entzündet und brennt seither unausgesetzt im Sinne der darauf angebrachten Worte »Freiheit – Recht – Friede« auf der einen Seite, und »Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung!« auf der anderen Seite.
Und da brennt sie auch heute an einem stillen Februartag, tut keinem etwas, nimmt keinem etwas weg. Der Verkehr umkreist das Denkmal. Noch ist es kein Ort der Empathie. Aber vielleicht könnte es zu einem allgemeinen, stillen Ort der Trauer werden für alle Menschen, die Vertreibungen und Heimatverlusten ausgesetzt waren und sind, zu einem Ort, an dem die Trauer erlaubt ist. Schlicht und unspektakulär genug ist das Denkmal dazu. Und sinnfällig genug ist es mit der brennenden, dreibeinigen Eisenschale auch, um durch die Kraft einer archaischer Form das Einzelschicksal in ein größeres, und dadurch tröstliches Allgemeines zu überführen – weit entfernt vom Wespennest öffentlichen Streits über das Thema der Vertreibung.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Mystisches Glas

Die Frömmigkeit, die die katholischen Schlesier vor allem aus Oberschlesien mitbrachten, fand im kargen, preußischen Berlin wenig Widerhall. Die östlich geprägte religiöse Inbrunst konnte leicht als Aberglauben missverstanden werden. Schlesische Katholiken, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in Berlin assimilieren wollten, taten gut daran, ihre Frömmigkeit nur im Schutz ihrer Kirchen und Familien auszuleben. Auch die mystische Tradition, wie sie in Schlesien mit prominenten Vertretern wie Jakob Böhme, Daniel Czepko von Reigersfeld oder Angelus Silesius seit dem 17. Jahrhundert konfessionsübergreifend lebendig war, fiel in Berlin nicht zwangsläufig auf fruchtbaren Boden. Da bedurfte es einiger Umwege.

Nach 1945 kamen als Vertriebene auch schlesische Künstler nach Berlin, die ihre Ausbildung in den zehner, zwanziger Jahren an der Breslauer Kunstakademie erhalten hatten. In den meisten Fällen war durch den Krieg fast ihr gesamtes Œuvre vernichtet worden.

Hier soll uns der Maler Peter Ludwig Kowalski interessieren. 1891 im oberschlesischen Königshütte geboren, erhielt er seine künstlerische Ausbildung an der Breslauer Akademie unter Hans Poelzig. Dem Expressionismus nahestehend schloss er sich freundschaftlich eng an den ebenfalls schlesischen Künstler Otto Mueller an. Romantische Landschaftsauffassung, ja fast Naturmagie und eine auratische Behandlung des menschlichen Körpers zeichneten Kowalskis Werk aus. 1934 wurde er als Leiter der Kunstgewerbeschule in Breslau von den neuen Machthabern abgesetzt, 1945 aus Breslau vertrieben. Seine Arbeiten waren fast restlos vernichtet.

Ab 1948 machte er in Westberlin einen Neuanfang und schuf etliche Glaskunstwerke in sakralen wie profanen Gebäuden. Dazu zählen die Glasfenster im Sitzungssaal des Bundeshauses Berlin und eine Glasschliffwand im Schiller-Theater, über die es lobend heißt, »seine monumentale, figuren- und ornamentreiche Fensterwand im Foyer des Berliner Schillertheaters gibt dem Raum seine große festliche Heiterkeit« (Hugo Hartung, 1967). Bei seinen Kirchenausstattungen arbeitete Kowalski konfessionsübergreifend. So schuf er fünf Rundfenster für die protestantische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Hansa-Viertel, einen monumentalen Fresko-Kreuzweg für die katholische Kirche St. Ansgar ebendort, die Glasfenster der evangelischen Luisenkirche in Charlottenburg sowie die Fenster der katholischen Kirchen St. Rita in Reinickendorf, Herz-Jesu-Kirche in Tegel, St. Elisabeth in Schöneberg, und für die Kapelle des katholischen Studentenwohnheims »Wilhelm-Weskamm-Haus« in Charlottenburg.

All diese Fenster- und Freskogestaltungen zeugen von einer im - schlesischen - Expressionismus wurzelnden Glaubenserfahrung und mystischen Tiefe, die durch die mosaiksteinhaften Formen und glühenden Farben des Glases eindringlich und überzeugend wirken. Übrigens stammen die Glasbausteinwände in der Berliner Philharmonie, der Staatsbibliothek und des Musikinstrumenten-Museums auch von einem schlesischen Künstler: vom Breslauer Alexander Camaro. Das bunte Licht, das in die großzügigen Scharoun-Räume strömt, hat immer auch einen leicht sakralen Charakter.

Foto: © Wolf Rabe auf www.fotocommunity.de
Und es gab nicht nur schlesische Glaskünstler, sondern auch schlesisches Glas in Berlin. Das meiste wird wohl im Zweiten Weltkrieg zersplittert sein. Aber etwas ist gerettet worden: im Paradiesgarten des botanischen Gartens in Potsdam-Sanssouci ließ König Friedrich Wilhelm IV. ein Stibadium errichten, in dessen offenen Metopenfeldern vierzig weiße, rubinrote, blaue und grüne Glasvasen standen. Diese stammten aus der schlesischen Kunstglasfabrik »Gräflich Schaffgottsche Josephinenhütte« in Schreiberhau. Immerhin sind vierzehn Original-Vasen durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts hindurch erhalten geblieben, der Rest wurde bei der jüngsten Restaurierung durch Kopien ersetzt. Nun können sie wieder ein farbiges, fast magisches Licht in den kleinen Innenraum werfen, der dadurch zur geradezu mystischen Versenkung und Entgrenzung einlädt.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 14. Februar 2011

Widerstand

Der christliche Widerstand gegen den Nationalsozialismus weist bedeutende Namen aus Schlesien auf. Über das mutige Wirken und Eintreten des aus dem niederschlesischen Ohlau stammenden Domprobsts Bernhard Lichtenberg gegen den Nationalsozialismus werden wir im Buch Näheres erfahren. Dem aus Breslau gebürtigen Pfarrer Joseph Lenzel, der sich für polnische Zwangsarbeiter einsetzte und im KZ Dachau ermordet wurde, waren wir bereits im Zusammenhang mit dem Hedwigsfriedhof 3 in Reinickendorf begegnet. Ebenfalls für polnische Zwangsarbeiter engagierte sich der Pfarrer August Froehlich.
Gedenktafel August Froehlich in Rudow
Foto: © www.wikipedia.de
Geboren im oberschlesischen Königshütte kam er während der Inflationszeit als Kaplan nach Berlin, wo er einen Großteil seines väterlichen Vermögens und seines Einkommens für notleidende Familien aufwendete. Während der NS-Zeit geriet er mit den Machthabern zunächst durch Verweigerung von NS-Geldsammlungen in der Kirche und des Hitlergrußes aneinander. Nachdem er Misshandlungen von polnischen Zwangsarbeitern zur Anzeige gebracht hatte, wurde er inhaftiert und starb 1942 im KZ Dachau. Eine Straße in Berlin-Rudow ist nach ihm benannt und einige Gedenktafeln an verschiedenen Berliner Kirchen erinnern an seine mutigen Taten.

Gedenktafel Friedrich Weißler
Foto: © www.wikipedia.de
Die wichtigste Figur des evangelischen Widerstands, also der Bekennenden Kirche, war der Breslauer Dietrich Bonhoeffer, der im Buch ausführlicher erwähnt werden wird. Auch Helmuth James Graf von Moltke aus Kreisau, Mitglied des Kreisauer Kreises, gehörte zur Bekennenden Kirche. Er wurde 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ein weiteres Mitglied des evangelischen Widerstands war der Landgerichtsdirektor Friedrich Weißler aus Königshütte, der als Mitverfasser einer Protestschrift an Hitler bereits 1937 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde. Eine Tafel an seinem Wohnhaus Meiningenallee 7 in Berlin-Westend erinnert an diesen unerschrockenen Juristen.

Ein heute noch recht bekannter Schlesier aus dem Umkreis der Bekennenden Kirche, der das NS-Regime überlebte, war Heinrich Albertz, 1915 in Breslau geboren. Albertz studierte in Breslau, Halle und Berlin Theologie und besuchte illegale Vorlesungen der Bekennenden Kirche. Ab 1939 war er als Vikar in Breslau und in Kreuzburg/Oberschlesien tätig. Ein Fürbitte-Gottesdienst für den im KZ festgehaltenen Pastor Martin Niemöller brachte ihm während des Zweiten Weltkriegs eine Festungshaft in Glatz ein. Nach dem Krieg wurde er niedersächsischer Minister für Flüchtlingsangelegenheiten und Vertriebene. 1955 wechselte er als Leiter in die Senatsverwaltung für Volksbildung nach Berlin, wurde Chef der Staatskanzlei und später Innensenator. Als Nachfolger Willy Brandts wurde Albertz 1966 zum Regierenden Bürgermeister gewählt, trat jedoch nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg während einer Protestdemonstration gegen den Besuch von Schah Reza Pahlevi durch einen Polizisten 1967 zurück. Er lebte bis zu seiner Pensionierung 1979 als Pfarrer in Berlin-Schlachtensee und wurde zu einem der profiliertesten Köpfe der Friedensbewegung. Der Heinrich-Albertz-Platz in Zehlendorf ist nach ihm benannt.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Religion

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs im Zuge der Industrialisierung die Bevölkerung Berlins sprunghaft an. Soziologisch gesehen war die Bevölkerungsexplosion vor allem dem enormen Zustrom von Arbeitskräften aus allen Provinzen, bevorzugt aus Schlesien, dem angestammten Berliner Hinterland geschuldet. Da Schlesien konfessionell geteilt war, brachten die Zuwanderer aus Schlesien entweder ihren evangelischen oder katholischen Glauben mit. Für die Protestanten aus Schlesien war es in Berlin einfacher, religiös heimisch zu werden und sich zu assimilieren, da die Stadt protestantisch geprägt war. In vielen bereits existierenden Kirchen und Gemeinden konnten sie sich eingliedern, ja einschmelzen. Sie befanden sich nun im Zentrum der traditionellen preußischen Verquickung von Thron und Altar. Natürlich mussten auch im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert aufgrund des Anwachsens der evangelischen Gemeinden viele repräsentative Kirchenbauten im zeittypisch neoromanischen, neogotischen oder später im expressionistischen Stil errichtet werden. Aber da die meisten älteren und alle ältesten Kirchen der Stadt, die Dorfkirchen, protestantisch waren, wirkten die Neubauten wie organische Erweiterungsbauten auf einer angestammten Glaubensschicht.

Das sah mit den katholischen Zuzüglern aus Schlesien (und auch aus anderen Provinzen) etwas anders aus: Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert war mit der Hedwigskathedrale die erste katholische Kirche in Berlin errichtet worden. Darüber hinaus gab es im 19. Jahrhundert nur wenige katholische Kirchenbauten in Berlin. Erst mit dem anhaltenden Zustrom der Arbeitskräfte vor allem aus Schlesien entstand in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert eine regelrechte »Kirchennoth«, besonders im schlesischen Viertel in Kreuzberg, aber auch in anderen Stadtbezirken. Dabei waren die Katholiken in Berlin nicht gut gelitten. Spätestens seit dem Kulturkampf unter Bismarck konnten sich die Katholiken in Berlin als Bürger zweiter Klasse empfinden. In dieser Zeit, in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, durften katholische Kirchengebäude nicht freistehend errichtet, sondern mussten in die Fassaden der Straßenzüge eingebaut werden. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts lockerten sich diese Bestimmungen und ein regelrechter Kirchenbauboom versuchte, der Kirchennot Herr zu werden. In den geschichtlichen Abrissen beinahe aller, in der Zeit um 1900 errichteten katholischen Kirchen ist von der Notwendigkeit eines Kirchenbaus aufgrund des starken Zustroms schlesischer Katholiken die Rede.
Einige Baugrundstücke für katholische Kirchen wurden vom Breslauer Bischof erworben. Viele dieser Kirchen wurden direkt vom Breslauer Fürstbischof Georg Kopp oder seinem Repräsentanten geweiht, unterstand doch Berlin damals noch dem Bistum Breslau. Eigenes Bistum wurde Berlin erst 1930, 1934 dann Erzbistum. In etlichen dieser katholischen Kirchen gibt es schlesische Spuren, von denen hier nur einige Erwähnung finden sollen: so wurden einige Kirchen vom aus Schlesien stammenden Architekten Max Hasak gebaut, etwa St. Sebastian im Wedding oder St. Mauritius in Lichtenberg. Die Altäre in St. Maria am Behnitz in Spandau wurden 1894 von einem Breslauer Kirchenausstatter gefertigt. Die Monstranz und der Kelch der Kirche Zum Guten Hirten in Friedrichsfelde, die beide aus Breslau stammten, wurden durch die Kriegszerstörungen hindurch gerettet, die Orgel aus Neiße aber zerstört. Die Stephanuskirche im Wedding besitzt eine Orgel aus Schweidnitz. Die Fassadeneinfassungen der Herz-Jesu-Kirche am Prenzlauer Berg sind aus schlesischem Sandstein. Am 16. Oktober wird der Namenstag der Hl. Hedwig von Schlesien in etlichen katholischen Kirchen Berlin begangen. Auch heute noch zeugen viele Lieder im katholischen (Eigenteil Berlin) wie im evangelischen Gesangsbuch von der reichen Kirchenliedtradition, die von Schlesien nach Berlin und weiter nach Westen gelangten.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 7. Februar 2011

Soziales

Im Zusammenhang mit dem sozialen Engagement von Schlesiern ist Anna von Gierke erwähnenswert, der zu Ehren der Gierkeplatz und die Gierkezeile in Charlottenburg benannt sind. 1874 in Breslau als Tochter des Juristen und Sozialpolitikers Otto von Gierke geboren, wurde sie in Berlin zu einer berühmten Sozialpädagogin. Nachdem sie ihre Erfahrungen u. a. im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus gesammelt hatte, engagierte sie sich für Kindergartenpädagogik, Schulspeisung und Horterziehung. Sie schuf eine Ausbildungsstätte für neue soziale Frauenberufe, »Jugendheime e. V.«, die auf ganz Deutschland ausstrahlte. In den zwanziger Jahren war sie Mitbegründerin eines Wohlfahrtsverbandes, aus dem der heutige Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband hervorging. Ebenfalls in der Zeit der Weimarer Republik gründete sie das vorbildhafte Landjugendheim Finkenkrug, eine Erholungs- und Ausbildungseinrichtung, und knüpfte ein dichtes Netz von Einrichtungen, Vereinen und Verbänden der Kinder- und Jugendfürsorge. Wegen ihrer »halbjüdischen« Abstammung aus ihren Ämtern entlassen, engagierte sich Anna von Gierke für in Not geratene Menschen, gleichgültig welcher Herkunft und Religion.
Gedenktafel Anna von Gierke, Carmerstraße 12
Foto: © www.wikipedia.de
Als Mitglied der Bekennenden Kirche führte sie in ihrer Wohnung Carmerstraße 12, wo sich heute eine Gedenktafel befindet, regelmäßige subversive Versammlungen durch, an denen Größen wie Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer, Theodor Heuss und Romano Guardini teilnahmen. Sie starb 1943 in Berlin und wurde auf dem Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bestattet.

Stammte Anna von Gierke als Professorentochter aus dem angesehenen Breslauer und Berliner Bürgertum, so kam der Arbeiterschriftsteller Hans Marchwitza aus dem oberschlesischen Bergarbeitermilieu. 1890 in Scharley bei Beuthen/ Oberschlesien geboren begann er selbst bereits mit 14 Jahren unter Tage zu arbeiten. 1910 zog er ins Ruhrgebiet, wurde wegen Streiks entlassen und schlug sich als Hilfsarbeiter durch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er KPD-Mitglied und kämpfte gegen Kapp-Putsch und Freikorps. In den zwanziger Jahren begann er zu schreiben und wurde in die Sowjetunion eingeladen. Ab 1936 kämpfte er im spanischen Bürgerkrieg, gelangte auf abenteuerlichen Wegen in die USA, von wo er 1946 zunächst nach Stuttgart, dann 1947 nach Potsdam zurückkehrte. 1950 war er Gründungsmitglied der Akademie der Künste der DDR. In seinem späteren schriftstellerischen Werk heroisierte er die ökonomische Entwicklung in der DDR, und wurde aufgrund dessen und aufgrund seiner lupenreinen proletarisch-antifaschistischen Vergangenheit mit Preisen und Ehrungen überhäuft. In der ganzen DDR gab es Kulturhäuser »Hans Marchwitza«. Und auch heute noch erinnert die Marchwitza-Straße in Marzahn an seine verschollene Popularität. Doch seine autobiographische Werke, Die Kumiaks (1. Band 1934) und Meine Jugend (1947) bewegen sich nicht nur in ideologischen Bahnen: sie liefern auch eindrucksvolle, fast zola-artige Tableaus der Arbeits- und Lebensverhältnisse der oberschlesischen Bergleute mit all ihren Fehlern und Schwächen, mit ihrem Aberglauben, ihren Gemeinheiten und Grausamkeiten. Marchwitza beschreibt diese Welt nüchtern und unaufgeregt. Sogar eine Wallfahrt der Arbeiter nach Deutsch-Piekar wird ausführlich geschildert. Im Buch werden wir andere schlesische Künstler kennenlernen, die sich unter anderem der sozialen Thematik verschrieben haben: August Scholtis, Franz Jung, den Maler Horst Strempel und Arnold Zweig.
Marchwitza als Spanienkämpfer (Briefmarke der DDR)
Foto: © www.wikipedia.de
Im Vergleich zu letzterem ist Hans Marchwitza literarisch nicht bedeutend. Aber er fügt dem oberschlesischen Hüttenwerks- und Elendstableau einen eigenwilligen Baustein hinzu, ein Tableau, das erstmalig im oberschlesischen Königshütte von Adolph Menzel entworfen und mit seinem »Eisenwalzwerk« bis heute eine gültige Form gefunden hat.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Schlesische Aufständische

Dass aus Schlesien stammende Großindustrielle wie Borsig oder oberschlesische Steinkohlenmagnaten wie Henckel von Donnersmarck Berlin im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wirtschaftlich entscheidend prägten, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist vielleicht, dass soziale, gar sozialrevolutionäre Gedanken und Strömungen ebenfalls stark mit Schlesien verknüpft sind. Es ist festzuhalten, dass soziale Unruhen und neues soziales Gedankengut nicht etwa durch das beginnende Proletarierelend in Berlin ausgelöst wurden, sondern durch die schlesischen Weberaufstände.

An dieser Stelle soll eine einstmals äußerst populäre, heute vergessene Sozialrevolutionärin und Frauenrechtlerin aus Schlesien vorgestellt werden, Agnes Wabnitz, der zu Ehren aber immerhin im Jahre 2002 im Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof am Prenzlauer Berg eine neu angelegte Straße benannt wurde. Sie wurde 1841 im oberschlesischen Gleiwitz geboren und besuchte die dortige Bürgerschule. Nachdem die Familie verarmt war, musste Agnes Wabnitz sich ihren Lebensunterhalt als Gouvernante auf polnischen Adelsgütern verdienen. Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zog sie – wie so viele in dieser Zeit – nach Berlin, wo sie als Schneiderin und Näherin, vor allem als Mantelnäherin arbeitete. In der Partei- und Gewerkschaftsarbeit begann sie sich zu engagieren, nachdem ihr Bruder unter dem Sozialistengesetz 1879 verhaftet und ausgewiesen worden war. Durch ihr rednerisches Temperament, das sie zu einer wandernden Agitatorin machte, stieß sie immer häufiger mit der Polizei und anderen staatlichen Autoritäten zusammen. Unermüdlich setzte sie sich für die Stärkung der Frauenrechte ein. Sie agitierte auch gegen die Doppelmoral der Kirche und gegen die Anmaßung des Kaisers. 1892 wurde sie wegen Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung verurteilt und inhaftiert. Im Gefängnis begann sie einen Hungerstreik, woraufhin sie in der Charité zwangsernährt und später in die Berliner Irrenanstalt Dalldorf (Wittenau) eingeliefert wurde. Nach ihrer Entlassung begann Agnes Wabnitz wieder, Reden und Vorträge zu halten, bis sie erneut verurteilt werden sollte. Bevor sie jedoch ihre Strafe antrat, nahm sie sich – symbolträchtig – auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin-Friedrichshain am 28. 8. 1894 das Leben.
Grabstein von Agnes Wabnitz
Friedhof der Freireligiösen Gemeinde
in der Pappelallee in Berlin
Prenzlauer Berg
Foto: © www.wikipedia.de
Agnes Wabnitz war damals derart populär, »vielleicht die bekannteste Frau ihrer Zeit«, wie ihr Biograph Klaus Kühnel schreibt, dass ihr Begräbnis nicht öffentlich stattfinden sollte, um eine politische Demonstration zu verhindern. Aber die Geheimhaltung gelang nicht. Am 2. September 1894 gaben ihr wohl über 40.000 Menschen das letzte Geleit zum Friedhof der Freireligiösen Gemeinde an der Pappelallee, mehr Personen als beim Begräbnis Kaiser Wilhelms I. zugegen waren. 630 Kränze wurden ihr zugedacht, achtzig mehr als dem Kaiser. Durch ihren Suizid wurde Agnes Wabnitz zur Märtyrerin der sozialdemokratischen Bewegung. Dass sie heute so gut wie vergessen ist, mag daran liegen, dass sie als Agitatorin durch und durch in ihrer Gegenwart lebte, und anders als Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin kein theoretisches Werk hinterließ. Ihr Grabstein auf dem Friedhof an der Pappelallee ist erhalten. Dort erinnert folgender Vers an die »unvergessliche Genossin«:
Edelsinn, Biederkeit war deine Zier
Wahrheit, Gerechtigkeit hieß dein Panier
Ob du im Grab auch liegst
Es klinget fort und fort
Wacker dein Losungswort:
Freiheit du siegst.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 31. Januar 2011

Stahl

Das Buch wird sich auch mit der Industrialisierung Berlins befassen, die maßgeblich mit Schlesien in Zusammenhang stand, sei es, weil Materialien wie Kohle, Stahl und Ton von dort importiert wurden, sei es, weil etliche Industrielle und Großindustrielle, die für Berlin und deutschlandweit bedeutsam waren, aus Schlesien stammten und auch dort Werke unterhielten. Etwas weniger bekannt als Borsig, aber auch sehr bedeutend war der schlesische Großindustrielle Georg von Caro, der aus einer jüdischen Familie in Breslau stammte. Sein Vater war Königlich Preußischer Kommerzienrat, Hüttenbesitzer und Kaufmann in Breslau sowie Teilhaber der dort ansässigen Eisenhandels-Firma Caro. Mit unternehmerischem Engagement baute Georg Caro dann die väterliche Eisengroßhandlung zu einer der größten Unternehmungen ihrer Art in Deutschland aus. Zusammen mit seinem Bruder Oscar fusionierte er etliche Hüttenwerke in Oberschlesien, so in Bobrek bei Beuthen, in Laband und Kattowitz zur »Oberschlesischen Eisenindustrie AG für Bergbau und Hüttenbetrieb«. Im Jahr 1910 rief Georg von Caro in Breslau die »Deutsche Eisenhandels AG« ins Leben, die mehrere Eisenhandelsfirmen aus Breslau und die Berliner Eisenfirma von Jacob Ravené zusammenführte. Darüber hinaus gehörten dem Caro-Konzern über vierzig Tochterunternehmungen in ganz Deutschland an, was zu einer geradezu märchenhaften Kapitalanhäufung führte. Um 1900 erwarb Georg von Caro östlich von Berlin die Rittergüter Gielsdorf bei Altlandsberg und Wilkendorf bei Strausberg. Auf Schloss Wilkendorf, wo Fontane übrigens seinen Roman »Effi Briest« konzipierte, verstarb Georg von Caro im Jahr 1913, millionenschwer.

Der aus Fraustadt in Schlesien stammende Architekt und Bauingenieur Paul Wittig arbeitete mit Eisen und Stahl, nachdem er um 1900 zum Direktor der Berliner Hochbahngesellschaft geworden war. Zuvor hatte er bereits sechzig Räume des neu erbauten Reichstags ausgebaut, die leider nicht mehr erhalten sind. Nun setzte er sich für den Ausbau und für die Modernisierung der Berliner U- und Hochbahn ein, um Berlin im internationalen Maßstab nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Er plädierte für die Mitwirkung von Baukünstlern an der Gestaltung der U-Bahnhöfe. Seine eigene gestalterische Tätigkeit beschränkte sich auf den Ausbau von Treppengebäuden und Pfeilern in den Bahnhöfen.
Nur noch das Treppenhaus des Hochbahnhofs Warschauer Straße ist von seinen Bauten erhalten, das wilhelminisch-futuristische Torhaus für die Hochbahndurchfahrt am Landwehrkanal und viele andere Bauwerke existieren nicht mehr.
Zwei Gedenkplaketten, einmal im U-Bahnhof Klosterstraße und im U-Bahnhof Alexanderplatz, erinnern an Paul Wittigs Wirken als Ingenieur. Übrigens plädierte Wittig bereits sehr früh, jedenfalls schon vor dem Ersten Weltkrieg, für die Errichtung von Hochhäusern in Berlin, damals »Turmhäuser« genannt. Für die Bebauung des Potsdamer Platzes schlug er ein rundes Hochhaus vor, für »Turmbauten« am Bahnhof Friedrichstraße Warenhäuser und einen runden Hotelbau. Ausgehend von seinem Vorbild Manhattan setzte er sich leidenschaftlich für die Zulassung größer Bauhöhen an sorgfältig auszuwählenden Punkten ein, um »die städtebauliche Schönheit von Weltstädten, also auch in Berlin, zu heben.« (Paul Wittig, Studie über die ausnahmsweise Zulassung einzelner Turmhäuser in Berlin, Berlin 1918, S. 14)

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Das märkische Kreisau

Das Landgut Borsig im havelländischen Groß Behnitz, fünfzig Autominuten vom Brandenburger Tor entfernt, überrascht den Besucher gleich mehrfach: es ist schön am Groß Behnitzer See gelegen, mit Terrassenlokal und einem gepflegten Park. Im Park am Ufer des Sees steht eine asiatische Platane, die Alexander von Humboldt dem Eisenbahnpionier August von Borsig von einer Forschungsreise als Dank mitgebracht hatte, Keimzelle der dendrologischen Liebhaberei der Familie Borsig über mehrere Generationen hinweg. Dann hat das Landgut enorme architektonische Ausmaße, die auf den Großindustriellen Albert Borsig zurückgehen, der das Gut 1866 erwarb und das Terrain mit einem architektonischen Ensemble in Backsteinbauweise ausbauen ließ. Diese sollte an die Berliner Borsig-Fabrik erinnern. Das Gut wurde als Teil der »A. Borsig Maschinenbauanstalt« nach modernsten landwirtschaftlichen Methoden bewirtschaftet, so mit Maschinen aus den Berliner Werken und Technologien, die bereits sehr früh nach ökologischen Prinzipien funktionierten: der Kuhstall wurde mit Biomasse erwärmt, Wasser wiederaufbereitet. Trotz aller Innovationsbestrebungen wurde jedoch auch der Geschichte und der Tradition Berlins Wertschätzung gezollt: Albert Borsig rettete beim Abriss des Oranienburger Tors in Berlin die Gontard-Skulpturen, indem er die Pfeiler seines Gutsportals mit ihnen bekrönte.
An einem der Pfeiler ist eine Gedenktafel angebracht mit folgender Aufschrift: »Hier trafen sich im ehemaligen Schloss in den Jahren 1941–1943 auf Einladung des Dr. Ernst Borsig mehrmals die Grafen Moltke und York von Wartenburg mit führenden Mitgliedern des Kreisauer Kreises.«

Während dieser konspirativen Treffen wurde u. a. das Sieben-Punkte-Programm des Kreisauer Kreises verfasst, in dem es um die Reagrarisierung Deutschlands nach der Beseitigung Hitlers ging. Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg stammten beide aus Schlesien, Ernst Borsig, der Gutsbesitzer, hatte schlesische Wurzeln. Sein berühmter, Berlin ungemein prägender Urgroßvater August Borsig war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Breslau nach Berlin gekommen, wo es ihm, dem Sohn eines schlesischen Zimmermannpoliers, gelungen war, zu einem Großindustriellen, zu einem Eisenbahnpionier, sogar Eisenbahnkönig aufzusteigen. Im Buch werden wir Näheres darüber erfahren. Sein Sohn Albert Borsig baute das Unternehmen weiter aus und übernahm auch das Gut Groß Behnitz. Von seinem Innovationsgeist profitierte das ganze Dorf: bereits 1869 wurde ein Bahnhof gebaut, an dem Züge von und nach Berlin hielten, um frische Landprodukte in die firmeneigenen Kantinen der Borsigwerke zu transportieren, eine Schule und ein Kindergarten wurden errichtet, die Wälder aufgeforstet, ein Erbbegräbnis der Familie Borsig an der Dorfkirche angelegt, vom gleichen Architekten übrigens, der auch den Borsigturm in Tegel baute. Hier in Groß Behnitz sind die meisten Mitglieder der Familie Borsig bestattet. Nur August Borsig, der Urgroßvater des Hitlergegners Ernst Borsig, liegt in Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in einem Ehrengrab begraben, ganz in der Nähe eines besonders prachtvollen Grabmals, das mit buntglasierten Kacheln verziert ist: das Grabmal des Erfinders der Ringöfen, Friedrich Eduard Hoffmann.
Dieser war zwar kein Schlesier, betrieb aber neben anderen Werken ein bedeutendes Werk in Schlesien, in Siegersdorf (Zebrzydowa) am Queis bei Naumburg (Nowogrodziec) gelegen, das eine noch berühmtere schlesische Töpferstadt war als Bunzlau. Auf dem Grabmal ist der anrührende Hinweis zu lesen, dass »vier liebe Kinder des Koenigl. Bauraths Friedrich Hoffmann« als »Opfer des Scharlachs« hier beerdigt liegen. Die leuchtend bunten Keramikkacheln wurden, wie ein kleiner, unscheinbarer Stempel an der Seite verrät, in Siegersdorf, in Schlesien hergestellt.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 24. Januar 2011

Schlesische Krieger

In seinem »Politischen Testament« von 1768 äußert sich Friedrich II. sehr positiv über die Schlesier, sowohl über die Bauern, als auch über den Adel. So beförderte er die Errichtung des Hedwigsdoms, um den katholischen schlesischen Adel stärker an sich zu binden. Und nicht nur Friedrich II. nutzte schlesische Militärs für die Festigung der preußischen Armee, auch seine Nachfolger bedienten sich ihrer. Etliche Gräber auf dem Alten Garnisonsfriedhof Linienstraße, Ecke Rosenthalerstraße und auf dem Invalidenfriedhof zeugen davon.

So entstammte Ludwig Matthias Nathanael Gottlieb von Brauchitsch, der 1757 geboren wurde, einem alten schlesischen Adelsgeschlecht. Er schlug die militärische Laufbahn ein und beteiligte sich während der Befreiungskriege an der Organisation des Landsturms gegen das napoleonische Heer, wurde danach Generalleutnant und trat 1820 die Nachfolge Gneisenaus als Diensttuender Gouverneur von Berlin an. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Alten Garnisonsfriedhof. Das Grabmal, nach Entwürfen Schinkels geschaffen, ist ein Werk der Berliner Eisengießerei, die die Ornamente der Eisenstele bereits 1828 zum Motiv ihrer Neujahrsplakette wählte.

Viele Militärs aus Schlesien sind es, die auf dem durch den Mauerbau gezausten Invalidenfriedhof ihre Gräber haben oder hatten. Da ist der preußische General Karl von Hänisch, 1829 in Ratibor geboren und aus einer alten niederschlesischen Familie stammend. Da ist der Generalfeldmarschall Hermann von Eichhorn, der 1848 in Breslau geboren wurde, an den Kriegen 1866 und 1870/71 teilnahm und während des Ersten Weltkriegs ums Leben kam. Die Eichhornstraße in Kaulsdorf ist nach ihm benannt. Ebenfalls bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts aktiv waren die beiden aus dem alten, weit verzweigten schlesischen Adelsgeschlecht von Prittwitz stammenden Militärs, der preußische Generaloberst Maximilian von Prittwitz und Gaffron, 1848 in Bernstadt bei Oels geboren, und der Admiral Curt von Prittwitz und Gaffron, geboren 1849 bei Ohlau. Auch der preußische Generaloberst Moritz von Bissing, nach dem die Bissingszeile im Tiergarten benannt ist, wurde 1844 in Schlesien, auf einem Gut bei Lauban, geboren. Der prominenteste ist allerdings der bekannte Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, der 1892 in Breslau geborene Manfred von Richthofen, der »Rote Baron«, nach dem eine Straße in Tempelhof benannt ist.

Interessant im Zusammenhang mit den Militärs aus Schlesien ist auch die Invalidensiedlung in Frohnau, die die Tradition des von Friedrich II. gegründeten Invalidenhauses an der Scharnhorststraße fortsetzte. Nach dem Zweiten Schlesischen Krieg ließ Friedrich II. eine Invalideneinrichtung für Kriegsversehrte errichten. Während der NS-Zeit wurde das Gelände des Invalidenhauses für die Erweiterung der Militärärzteakademie beansprucht, so dass die Invalideneinrichtung an den äußersten Nordrand Berlin umziehen musste. Die Häuser, in holländisch wirkender Backsteinbauweise errichtet, waren 1938 bezugsfertig. Das Besondere an den hufeisenförmig angeordneten Häusern besteht darin, dass die steinernen Kartuschen über den Hausportalen an die Schlachten und Feldlager der Schlesischen Kriege erinnern: Mollwitz, Leuthen, Bunzelwitz, Glogau, Burkersdorf, Breslau und viele andere. [Foto Invalidensiedlung] Es wird berichtet, dass im Gemeinschaftshaus der Siedlung bis 1944 alljährlich der Geburtstag Friedrichs II. vor seiner mit Blumen geschmückten Büste begangen wurde. Hier wird die Vereinnahmung Friedrichs während der NS-Zeit in unangenehmster Weise sichtbar. Befreien wir ihn aus derartigen Vereinnahmungen und gratulieren ihm, oder zumindest dem Menzel-Bild, das ihn uns verlebendigt, heute zu seinem 299. Geburtstag.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Witz

Im Februar 2009 fand im schlesischen Neiße eine »Geschichtswerkstatt Schlesien« statt. Dort sollten sich ältere und jüngere Teilnehmer in sogenannten Tandemgesprächen ihre Geschichten erzählen. Schwere Themen wurden berührt, wenn es um Traumatisierungen durch Diktatur, Krieg, Vertreibung und Sozialismus in Schlesien ging. Aber die Atmosphäre wurde nicht schwer, bedrückend und lastend. Das hing vor allem mit den älteren Teilnehmern zusammen, Schlesier, über siebzig Jahre alt, die zum Teil in Deutschland lebten, zum Teil in Schlesien geblieben waren. Es hing zusammen mit ihrem Humor. Allesamt waren sie selbstironisch, sprachspielerisch (»Hier kommen die Neißer Scheißer«), verschmitzt und hatten den Schalk im Nacken. Der Witz hatte ihre Physiognomien auf das Freundlichste geprägt. Alles Schwere und Ernste wurde leicht in ihrer Gegenwart, aber nicht etwa durch Oberflächlichkeit, sondern durch die Weisheit des Komischen. Daher war die Geschichtswerkstatt von einer Offenheit jeneits aller Sonntagsreden geprägt, eine Offenheit, die von einem heiteren Mutterwitz getragen wurde. Die jüngere Generation konnte nur staunen.


Im Buch wird es ein eigenes Kapitel über den schlesischen Witz geben, der ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Berlin kam und den Berliner Humor enorm bereicherte. Die Autoren der sogenannten Altberliner Posse waren allesamt Schlesier, oft auch jüdische Schlesier. Der schlesische Witz kommt nicht so bajonettscharf wie der Berliner Witz daher, sondern freundlicher, ist dafür aber hintersinniger, doppeldeutiger, sprachspielerischer. Über den Ursprung der Altberliner Posse und des Satireblattes Kladderadatsch werden wir im Buch ausführlich hören. Hier soll es um einige Satiriker aus Schlesien bis heute gehen. Während der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit war der Humorist, Couplet-Sänger, Komiker und Kabarettist Guido Thielscher (geboren 1859 in Königshütte) in Berlin und über Berlin hinaus sehr populär. In seiner Autobiographie Erinnerungen eines alten Komödianten ist allerdings auch eine gewisse harmlose Behäbigkeit seines Humors nicht von der Hand zu weisen, die ihn vor den neuen Machthabern 1933 sich verbeugen ließ. Das war bei Werner Finck (1902 in Görlitz geboren) ganz anders, der einige Male während der NS-Zeit in Haft geriet, sich aber durch seine Technik des andeutungshaften Sprechens immer wieder retten konnte. Überliefert ist Fincks Frage an einen mitschreibenden Spitzel, der in einer Vorstellung saß: »Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muß ich mitkommen?« Bertolt Brecht widmete Finck das Gedicht »Eulenspiegel überlebt den Krieg«.


Bekannte Karikaturisten und politische Satiriker in der DDR waren Leo Haas (1901 in Troppau geboren) und Jochen Petersdorff (1934 in Liegnitz geboren). Haas, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung während der NS-Zeit in etlichen KZ's inhaftiert war, betätigte sich in der DDR als Karikaturist für das Neue Deutschland und den Eulenspiegel, und zwar während der Zeit des Kalten Krieges in zeittypisch tendenziöser Weise. Petersdorf hingegen verfasste die Funzel-Beilage. Das Abendblatt für trübe Stunden des Satiremagazins Eulenspiegel, die dem Nonsens verpflichtet war. Doch ist bei ihm eine gewisse Entschärfung der Komik durch die Diktatur zu verzeichnen.


In der Bundesrepublik bzw. Westberlin waren es unter den bekannten Komikern Wolfgang Neuss (1923 in Breslau geboren) und Dieter Hildebrandt (1927 in Bunzlau geboren), die aus Schlesien stammten. Trotz ihrer unterschiedlichen politischen Ausrichtungen gibt es bei beiden manchmal eine ähnliche Art des Witzes, und zwar durch die Komik von assoziativen Abschweifungen und Improvisationen, durch Stottern und Auslassungen, durch Versprecher und Wortverdrehungen. Unvergessen sind Aussprüche von Wolfgang Neuss aus seiner späteren Zeit: »Meine Zeit ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, dass es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.« Oder, mit Anspielung auf seinen Haschischkonsum: »Ich rauche den Strick, an dem ich sonst hängen würde.« »Alle Tage sind zwar gleich lang, aber unterschiedlich breit.« Und Dieter Hildebrandt beschreibt in einer Geschichte auf seiner Website die Schwierigkeiten, Weihnachten 1945 als Vertriebener in Bayern schlesische Mohnklöße herzustellen. Der Titel seines Textes lautet: »Der Mohn ist ausgegangen«.


Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 17. Januar 2011

Ingenieurskunst

Den Abschluss der Straße Unter den Linden bildet, sozusagen als fernes Gegenüber des Brandenburger Tors, der Berliner Dom, erbaut vom schlesischen Baumeister Julius Raschdorff, über den wir im Buch Näheres erfahren werden. In den Jahren 1897/98 erhielt ein Bauingenieur den Auftrag zu dem gewaltigen Unterfangen, den Berliner Dom von seinem Fundament bis zur Kuppel konstruktiv und statisch zu berechnen: der Professor für Statik der Baukonstruktion und Brückenbau an der Technischen Universität Berlin, Heinrich Müller-Breslau. Unter dem Namen Heinrich Müller 1851 in Breslau geboren, nannte er sich später, zur Unterscheidung von anderen Trägern dieses Namens, Müller-Breslau, fügte also seinem Namen seinen Geburtsort zu – eine Praktik, wie wir sie später von dem aus Neiße stammenden Schriftsteller Max Hermann kennen, der in Berlin seinen Nachnamen um den seiner Geburtsstadt erweiterte.

Foto: © www.berlins-gruene-seiten.de
Neben dem Berliner Dom noch erhaltene Bauwerke, die auf Heinrich Müller-Breslau zurückgehen, sind das Große Tropenhaus und das Mittelmeerhaus, auch Subtropenhaus genannt, im Botanischen Garten Berlin. Letzteres klingt mit seinem geschwungenen Giebel und den flankierenden Türmchen bewusst an die Fassade einer gotischen Kathedrale an. Auch der leider im Krieg zerstörte Kaisersteg über die Spree bei Oberschöneweide geht auf Heinrich Müller-Breslau zurück. Es handelte sich um eine äußerst schwungvolle Brückenkonstruktion, deren Portale mit gotisierenden Formen aus Eisen verziert waren. Müller-Breslau, der auch zeitweilig Rektor der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg war, wurde 1901 als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen, eine außergewöhnliche Auszeichnung, da die Akademie sonst keine Techniker in ihren Reihen zählte. Heinrich Müller-Breslau war auch Berater von Graf von Zeppelin, den er bei der Gestaltung des Tragwerks für dessen Luftschiffe unterstützte. Die Müller-Breslau-Straße in Charlottenburg geht auf diesen wichtigen Ingenieur zurück.


Grabstein Arnold Zweigs
auf dem Dorotheenstädtischen
Friedhof
Foto: © Roswitha Schieb
Hundert Jahre zuvor war der Baumeister Carl Gotthard Langhans auch als Konstrukteur und Ingenieur tätig. Er ersann in langen statischen Experimenten die Haltbarkeit von Bohlendachkonstruktionen, die zu größeren Kuppelbauten führten. Auch der Turmhelm auf der Marienkirche auf dem Alexanderplatz wurde von Langhans geschaffen. Es ist das erste neugotische Bauwerk in Berlin. Die spitzen Metallbögen, die sich überschneiden, wiederholen sich bei der Turmgestaltung in verschiedensten Variationen, in Gittern und Geländern. Auch Müller-Breslau arbeitete gerne bei seinen Konstruktionen, wie wir sahen, mit neugotischen Elementen - allerdings hundert Jahre nach Langhans. Interessant ist, dass auf den älteren Friedhöfen der Stadt Berlin die verschränkten, sich überschneidenden Langhans-Gitter vom Turmhelm der Marienkirche in vielen Grabeinfassungsgittern wiederkehren, auf dem Alten Garnisonsfriedhof ebenso wie vielfach auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, so um das Grab von Arnold Zweig herum, aus Schlesien stammend auch er.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Oper, Film und Komik

Berlin war für Schlesier ein großer Magnet, ja vielleicht der Anziehungspunkt schlechthin. Wer etwas werden wollte in der Welt, der blieb nicht in der schlesischen Provinz, nicht einmal in der schlesischen Hauptstadt Breslau, sondern er musste nach Berlin kommen. Das galt auch für die 1850 in Breslau geborene Opernsängerin Selma Nicklaß-Kempner, die mit zwanzig Jahren an der Berliner Krolloper debütierte. Von dort führte sie ihr Weg durch Europa, aber auch wieder nach Berlin zurück, wo sie am Stern'schen Konservatorium engagiert wurde und auch als Gesangspädagogin wirkte. Die lange Liste ihrer später teilweise prominenten Schülerinnen verrät, wie bekannt und begabt sie auch als Lehrerin gewesen sein muss.

Der Sogwirkung Berlins konnte sich auch der Sänger und Schauspieler Egon Brosig, Sohn eines Brauereibesitzers aus Ohlau, 1889 geboren, nicht entziehen. Nachdem dieser seine Karriere in der schlesischen Provinz, in Salzbrunn und Kattowitz, begonnen hatte, zog es ihn 1915 nach Berlin, wo er sich zu einem beliebten Opernbuffo und Charakterkomiker entwickelte. Zeitweilig galt er sogar als renommiertester Buffo, auf jeden Fall aber als bedeutendster Tanzbuffo. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er an der Komischen Oper auf, nach 1953 dann in Westberliner Theatern.

Seine Erfahrungen als Filmschauspieler sammelte er in der Stummfilmära. Bis zu seinem Lebensende 1961 spielte er in unübersehbar vielen Filmen mit, oft in Nebenrollen. Interessant ist seine Mitwirkung im NS-Propagandafilm »Der alte und der junge König« (1935), ein Fridericus-Rex-Historienfilm, in dem es um die Verherrlichung des Gehorsamsprinzips geht. Dass Egon Brosig in diesem Film keinen ›edlen Preußen‹ spielt, sondern die Rolle eines – jüdischen – Wucherers, zeigt die Weite und durchaus auch Gebrochenheit seines schauspielerischen Selbstverständnisses.

Eine weitere zwiespältige Rolle in diesem Film war von einem Schlesier besetzt: der mehrfach begabte Friedrich Kayßler spielte Kattes Vater. 1874 im schlesischen Neurode geboren, lernte Kayßler am Breslauer Maria-Magdalenen-Gymnasium Christian Morgenstern kennen, dessen Gedichte Kayßler später vertonte. In Berlin war er am Deutschen Theater unter Max Reinhardt Bühnenschauspieler, zwischen 1918 bis 1923 Direktor der Freien Volksbühne. In dieser Zeit spielte Kayßler im Friedrich-Stummfilm »Fridericus Rex« (1922) mit, in dem er den preußischen Staatsminister Graf Finckenstein, einen der wenigen Vertrauten Friedrichs II., gab. Als Schriftsteller hinterließ er vor allem impressionistische Märchendramen und Lustspiele. Der Witz Kayßlers zeigt sich bereits in seinen Vertonungen berühmter Morgenstern-Gedichte, so u. a. von »Nasobem«, »Klabautermann«, »Der Schaukelstuhl auf verlassener Terrasse«: kongenial zu den Gedichten versah Kayßler die Partituren mit höchst originellen, fast schlesisch-barock überbordenden Spielanweisungen. Aus dem üblichen »Adagio«, »Andante«, »Largo« wird hier »Beängstigend zuschnürend«, »Gelangweilt«, »Schwebend, schwingend«, »Unbeirrbar«, »Rustikal hinschmelzend«, »Treu wandelnd«, »Jäh verstört«, »Gläsern gespenstisch«, »Innig pneumatisch emporquellend«, »Überdonnernd«.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 10. Januar 2011

Friedrich der Große

Ohne Adolph Menzel wäre Friedrich der Große nicht denkbar. Oder anders ausgedrückt: den Friedrich, den wir heute zu erinnern meinen, hat Menzel durch seine Bilder erst erzeugt. Sie stehen zwischen uns und der historischen Figur, der die Bilder zur zweiten Haut geworden sind. Dass sie auch heute noch diese Wirksamkeit entfalten, liegt an ihrer Komplexität, ihrer atmosphärischen Dichte, an ihrem subtilen Witz, an ihrem Gestus der Hochschätzung Friedrichs, der ohne plumpes Pathos auskommt. All das wird im Buch ausführlich untersucht. Darin wird auch der Versuch unternommen, die Frage zu beantworten, warum es ausgerechnet immer wieder Schlesier, also Künstler und Schriftsteller aus Schlesien waren, die die Mythisierung Friedrichs betrieben haben. Dass der aus Breslau stammende Menzel dabei am differenziertesten vorgeht, macht seine Friedrich- und Preußenbilder, von denen einige in der Nationalgalerie hängen, bis heute sehr sehenswert und hält sie frisch.

Etwas anders sieht es da mit dem eine Generation später im schlesischen Glogau (1857) geborenen Richard Knötel aus. Knötel gilt als bedeutendster deutscher Historienmaler. Während seines Studiums an der Berliner Akademie wandte er sich der Geschichte des Militärs zu. Er illustrierte etliche militärische Werke, so die Abhandlung »Die preußische Armee von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart« (1883) oder das Militärbilderbuch »Die Kriegsheere Europas« (1888). Neben vielen Schlachtengemälden und dem Quellenwerk zur Uniformkunde in 18 Bänden hinterließ er zwei Erbauungsbücher: »Der alte Fritz in 50 Bildern für Jung und Alt« (1895) und »Die Königin Luise« (1896). Sie sind zeittypisch »Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und Könige von Preußen in tiefster Ehrfurcht gewidmet«. Im Gegensatz zu Menzel ist Knötels Auffassung Friedrichs II. holzschnittartig: so ist er dargestellt als gutes, hilfsbereites Kind, als stolzer König, als ewiger Sieger der schlesischen Kriege, zwischendurch als heroisches Genie, das nach einer Niederlage umso strahlender wieder zu siegen versteht. So wie Königin Luise zu einer säkularen Mutter Maria stilisiert wird, wächst Friedrich auf dem Blatt »Bei Burkersdorf« zu einem säkularen St. Martin an, wenn er einem verletzten Soldaten ein Tuch reicht mit den Worten: Du bist verwundet, mein Sohn, verbinde dich damit!
Die menschlichen Züge, die Knötel Friedrich beigibt, wirken naiv und süßlich, das Pathos eindimensional, die Verehrungshaltung devot. Derartige affirmative Prachtbände und Volksausgaben waren für die unangenehme Vereinnahmung Friedrichs II. während der Kaiserzeit und später während der NS-Zeit sehr viel entscheidender als das vielschichtige Bild Friedrichs, das Menzel hinterließ und das zu Unrecht nach dem Zweiten Weltkrieg der Preußenapotheose geziehen wurde, die direkt ins Unheil führen musste. Das letzte größere Illustrationswerk Knötels, »Die Befreiungskriege«, erschien im Jahr 1913 ein Jahr vor seinem Tod. Pünktlich zur Jahrhundertfeier, so auch in der Jahrhunderthalle in Breslau, lag dieser Band vor, zur Feier der patriotischen Eruption, zur Feier der psychologischen Kriegsvorbereitung kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Heute ist Richard Knötels Werk Vergangenheit, Adolph Menzels Werk aber immer wieder frischeste Gegenwart.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Theater

Im Buch wird es natürlich auch um Gerhart Hauptmanns dramatisches Wirken am Deutschen Theater und um sein Verhältnis zu Berlin und Schlesien gehen. An dieser Stelle sollen daher einige schlesische Vorläufer und Zeitgenossen Hauptmanns Erwähnung finden, die die Berliner Bühnenkunst entscheidend beeinflusst haben, deren Lorbeerkränze aber längst raschelnd verwelkt sind. Es ist schwierig, die Schauspielkunst vergangener Zeiten zu vergegenwärtigen. Man ist dabei auf die Einschätzungen prominenter Zeitgenossen angewiesen. So wurde der 1757 in Breslau geborene Schauspieler und Regisseur Ferdinand Fleck, der sich schon bei Schuldeklamationen am Breslauer Maria-Magdalenen-Gymnasium ausgezeichnet hatte, immerhin von Friedrich Schlegel als »erster tragischer Heros der deutschen Bühne« bezeichnet. Von Friedrich Wilhelm II. 1790 zum Regisseur des Königlichen Nationaltheaters ernannt, war Fleck einer der bedeutendsten Schauspieler des späten 18. Jahrhunderts. Ihm gelang in der Schauspielkunst, wie Langhans in der Architektur, eine glückliche Verbindung zwischen Romantik und Klassizismus.

Der 1793 aus dem schlesischen Glatz stammende Schauspieler Karl Seydelmann fand bereits im Zusammenhang mit dem Hedwigsfriedhof an der Liesenstraße Erwähnung. Nach seiner Zeit am Breslauer Stadttheater und einem unsteten Wanderleben wurde er 1838 für das preußische Hoftheater in Berlin engagiert, wo er - wichtig später für Gerhart Hauptmann - der realistischen Schauspielkunst zum Durchbruch verhalf.

Ebenfalls aus Schlesien kam der damals sehr populäre Schriftsteller, vor allem Dramatiker Ernst Raupach. 1784 in Straupitz bei Liegnitz geboren ließ er sich nach einem unsteten Leben 1824 in Berlin nieder. Sein Werk weist schlesische Charakteristika auf: mit der Herrscher-Verehrung, einem 16-teiligen Hohenstaufen-Zyklus, wollte er ein Nationales Theater begründen. Sein Sozialdrama »Der Müller und sein Kind« war so erfolgreich, dass es bis in 20. Jahrhundert auf den Spielplänen vieler Theater stand und oft regelmäßig zu Allerheiligen aufgeführt wurde. Doch nicht nur die ernste Gattung beherrschte Raupach. In seinen »Dramatischen Werken komischer Gattung« finden sich heute noch belustigende Dramen wie »Die feindlichen Brüder oder Homöopath und Allopath«. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde am Halleschen Tor.

Heute noch zumindest ein wenig bekannt ist die 1862 in Breslau unter dem Namen Agnes Zaremba geborene Schauspielerin, die dann als Agnes Sorma weltweit große Erfolge feierte. Bereits mit dreizehn Jahren debütierte sie am Breslauer Lobe-Theater und kam dann 1884 ans Deutsche Theater in Berlin, wo sie in vielen Stücken Gerhart Hauptmanns mitwirkte. Ihr Mentor war Max Reinhardt, einer ihrer jugendlichen Verehrer der Student Thomas Mann.

Im Foyer des Deutschen Theaters steht eine Büste Gerhart Hauptmanns, geschaffen 1913 vom Bildhauer Kurt Kroner. Kroner, 1885 geboren, stammte aus einer Breslauer Rabbinerfamilie. Den sozialreformerischen Ideen und dem kulturellen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg zugewandt, fertigte er Porträtbüsten von Karl Liebknecht, Ernst Toller, Erich Mühsam und vielen anderen Kulturschaffenden an. Die Büste Hauptmanns schuf er nach dessen Nobelpreisverleihung im Auftrag von Max Reinhardt. Gerhart Hauptmann schreibt über Kroners Kunst:
Welcher Adel liegt in der Ruhe der Plastik, entfernt von der flirrenden, flatternden Belebungsjagd und Kinohaftigkeit unserer Zeit! [...] Wenn man die Kroner'schen Ansätze sieht und das manchmal schöne Gelingen darin, so hat man das Ringen der Plastik unserer Zeit. Man hat darin überhaupt unsere Zeit: Gestalten, die wirr mit den Armen um sich schlagen, Köpfe von ägyptischer Treue, ein Stück Griechenland, etwa in den Formen eines Frauenleibes.
Dann schreibt Hauptmann etwas über Kroners Kunst, das vielleicht das Beste ist, was sich über Kunst überhaupt sagen lässt:
Sie nötigt mir immer wieder ein großes Interesse ab. Das Problematische an ihr bleibt das dauernd Anregende.
(Kurt Kroner, Berlin 1927, Vorwort)

Weitere Werke Kroners in Berlin befinden sich in der Nationalgalerie, im Deutschen Historischen Museum, im Jüdischen Museum und nicht zuletzt auf Kroners eigenem Grab auf dem Stahnsdorfer Friedhof: die lebensgroße Plastik »Der Trauernde«.

Fortsetzung am kommenden Montag.

Montag, 3. Januar 2011

Riesengebirge in Berlin

Carl Gotthard Langhans war nicht nur ein bedeutender Baumeister, er tat sich in Berlin auch als – schneisenschlagender – Städteplaner hervor. Viele Architekten und Städtebauer des 19. und 20. Jahrhunderts gaben Berlin sein immer wieder wechselndes Gesicht. Einer der wichtigsten war der heute fast gänzlich in Vergessenheit geratene Hermann Mächtig. 1837 in Breslau geboren, erhielt er dort und in der Königlichen Gärtnerlehranstalt in Potsdam-Wildpark seine Ausbildung zum Gärtner. Zunächst arbeitete er in den Potsdamer Gärten unter Peter Joseph Lenné und Gustav Meyer, wurde 1870 dortiger Hofgärtner, bis er ab 1878 bis zu seinem Tod 1909 das Amt des Stadtgartendirektors in Berlin bekleidete. Wichtiges Anliegen war ihm, »Volksgärten« im landschaftsgärtnerischen Stil anzulegen, denn Gärten und Parks sollten nach Mächtigs Auffassung »Stätten der Bewegung, der Erholung, Orte geselliger Unterhaltung, auch des Naturgenusses, der Bildung und der Veredelung der Sitten« sein. Eine Vielzahl heute noch existierender Plätze und Parks in Berlin geht auf Mächtigs Planung, Verschönerung und Umgestaltung zurück, so der Treptower Park, der Pariser Platz, der Zentralfriedhof Friedrichsfelde, auf dem sich auch Mächtigs denkmalgeschütztes Grab befindet, der Leopoldplatz, der Senefelderplatz, der Wilhelmplatz, die Umgestaltung der Schloßstraße in Charlottenburg, der Kollwitzplatz, der Gendarmenmarkt, der seit 1848 bestehende Friedhof der Märzgefallenen, der 1900 von Mächtig wiederhergestellt und verschönert wurde, der Lützowplatz, der Arnswalder Platz, der Arnimplatz und der Brunnenplatz. Eine Straße in Potsdam wurde nach Hermann Mächtig benannt.

Im Zeitalter der Industrialisierung bemühte sich Mächtig darum, kleinere und größere urbane Zentren in Berlin gärtnerisch zu gestalten, um der dichtgedrängten Bevölkerung Plätze zum Atmen zu verschaffen. Ein auch heute noch besonders augenfälliges Beispiel dafür ist der Viktoriapark auf dem Kreuzberg. Bereits 1821 errichtete Schinkel auf der Kuppe des Kreuzbergs das Nationaldenkmal zur Erinnerung an die Befreiungskriege 1813. Aber erst über sechzig Jahre später wurde Hermann Mächtig mit der Gestaltung des gesamten Hügelterrains beauftragt. Zwischen 1888 und 1894 legte er den Landschaftsgarten mit geschlängelten Wegen an. Zur Betonung des Nationaldenkmals ersann er in der Hauptblickrichtung von der Großbeerenstraße her die Anlage eines Wasserfalls, der zweierlei Implikationen vereinigte: einmal sollte der Wasserfall an sich erhabene Gefühle auslösen und damit zu Emphase des Nationalen beitragen. Zum anderen ist er eine Miniaturnachbildung eines existierenden Wasserfalles. Seinem Entwurf ist, so Mächtig, »ein den angeführten Bedingungen entsprechender Wasserfall im Riesengebirge zu Grunde gelegt«. Belegt ist auch eine Dienstreise Mächtigs während er Planungszeit nach Hirschberg. Umstritten ist heute bloß, ob es sich beim Viktoriapark um eine Nachbildung des Zackelfalls, des Heynfalls oder eines anderen Wasserfalls in der Umgebung von Hirschberg handelt. Auch Reisen ins Riesengebirge waren im 19. Jahrhundert übrigens von nationaler Bedeutung, hatten seit Friedrich Wilhelm III. doch die preußischen Könige mit ihren Schlössern und Gärten das Hirschberger Tal in ein preußisches Elysium verwandelt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren es auch immer mehr wohlhabende Berliner, die zur Erholung ins Riesengebirge reisten. Für all diejenigen aber, die sich solch Fahrten nicht leisten konnten, unter anderem auch die Arbeitsmigranten aus Schlesien, die sich im schlesischen Viertel in Kreuzberg drängten, baute Hermann Mächtig ein Riesengebirge en miniature mit einem Wasserfall, klein genug, die Ausmaße eines städtischen Parks nicht zu sprengen, und groß genug, Erhabenheits-, Sehnsuchts- und Nationalgefühle auszulösen.

Fortsetzung am kommenden Donnerstag.